Carl Pei, Gründer von Nothing, provoziert mit einer These, die die gesamte App-Ökonomie in Frage stellt: KI-Agenten werden klassische Smartphone-Apps vollständig ersetzen. Was klingt wie Futurismus, hat handfeste strategische Konsequenzen – auch für deutsche Unternehmen.
Apps vor dem Aus: Nothing-Chef Pei glaubt an die KI-Agenten-Ära
Eine These, die nachhallt
Was Carl Pei auf der Bühne der SXSW in Austin skizzierte, klingt zunächst wie Tech-Futurismus, hat aber durchaus handfeste Implikationen. Seine Grundidee: Statt dutzende Apps für einzelne Aufgaben zu öffnen, tippen und scrollen, übernehmen künftig autonome KI-Agenten diese Arbeit im Hintergrund. Der Nutzer gibt ein Ziel vor – der Agent findet den Weg.
Buchungen, Recherchen, Bestellungen, Kommunikation: alles ohne App-Wechsel, ohne manuelle Eingaben, ohne den typischen Klick-Marathon durch verschachtelte Menüs.
Pei ist dabei kein unbeschriebenes Blatt. Er hat bereits mit OnePlus gezeigt, dass er etablierte Marktstrukturen herausfordern kann. Nothing selbst positioniert sich bewusst als Gegenentwurf zur gesichtslosen Smartphone-Masse – und der CEO denkt offensichtlich schon weit über Hardware hinaus.
Vom App Store zur Agenten-Schicht
Der entscheidende Punkt an Peis Argument ist nicht die Ablösung einzelner Apps, sondern der strukturelle Wandel dahinter. Heute ist das Smartphone eine Sammlung isolierter Anwendungen, jede mit eigenem Login, eigener Oberfläche, eigener Logik. KI-Agenten – so die Vision – brechen diese Siloisierung auf. Sie greifen quer durch Dienste und Daten hindurch, handeln im Auftrag des Nutzers und kommunizieren mit externen Systemen, ohne dass der Mensch den Mittler spielen muss.
Technisch ist das keine Science-Fiction mehr. Modelle wie GPT-4o, Gemini oder Anthropics Claude verfügen bereits über Werkzeuge, mit denen sie externe APIs ansprechen, Formulare ausfüllen oder Kalender verwalten können. Was fehlt, ist die nahtlose Integration in Alltagsgeräte – genau die Lücke, in die Nothing springen will.
Was das für die App-Ökonomie bedeutet
Peis These trifft die App-Branche an einer empfindlichen Stelle. Milliarden-Ökosysteme hängen am App Store und Google Play, ganze Geschäftsmodelle basieren auf App-Installationen, Push-Benachrichtigungen und In-App-Käufen. Wenn der Nutzer künftig gar nicht mehr aktiv eine App öffnet – weil der Agent es für ihn erledigt –, bricht das bisherige Nutzungsmodell weg.
Nicht die App stirbt, sondern die Notwendigkeit, sie zu bedienen. Das ist ein Unterschied – aber für viele App-Anbieter ein existenzieller.
Ob dieser Wandel in zwei, fünf oder zehn Jahren eintritt, ließ Pei offen. Dass er kommt, davon scheint er überzeugt. Und Nothing arbeitet offenbar daran, nicht nur Geräte zu bauen, sondern die Schnittstelle zwischen Mensch und KI-Agent neu zu definieren.
Einordnung für deutsche Unternehmen
Für Unternehmen hierzulande, die digitale Produkte und Services über Apps vertreiben – ob im B2C- oder B2B-Kontext –, lohnt es sich, Peis Gedankengang ernst zu nehmen. Nicht weil das App-Ende unmittelbar bevorsteht, sondern weil die Frage auf dem Tisch liegt:
Wie agentenfähig sind die eigenen digitalen Angebote?
Wer heute APIs offen und strukturiert hält, wer seine Dienste maschinenlesbar gestaltet und Backend-Logik von der Oberfläche sauber trennt, ist gut aufgestellt – egal ob die nächste Interaktionsschicht ein Touchscreen oder ein KI-Agent ist. Die technologische Richtung ist klar. Die Umsetzungszeit bleibt offen.
Quelle: TechCrunch
