KI-typische Sprachmuster untergraben die Glaubwürdigkeit professioneller Kommunikation

Wer KI-generierte Texte unbearbeitet in die Unternehmenskommunikation übernimmt, riskiert mehr als stilistische Monotonie – er verspielt das Vertrauen, das über Jahre mühsam aufgebaut wurde. Ein neuer Kommentar im Guardian benennt konkret, woran Leserinnen und Leser maschinell erzeugte Inhalte erkennen.

KI-typische Sprachmuster untergraben die Glaubwürdigkeit professioneller Kommunikation

Das Muster: Kontraststrukturen als stilistisches Markenzeichen

Gemeint ist eine bestimmte rhetorische Konstruktion, die sich in KI-Ausgaben mit auffälliger Häufigkeit findet: Sätze nach dem Schema „Es geht nicht um X – es geht um Y”. Diese Kontrastformel klingt auf den ersten Blick präzise und argumentativ. Bei näherer Betrachtung entpuppt sie sich jedoch als inhaltsleere Dramatisierung, die echte Substanz lediglich simuliert.

Ähnliche Erkennungszeichen sind:
– übermäßig häufige Dreier-Aufzählungen
– das Wort „navigieren” im übertragenen Sinne
– der allgegenwärtige Einstieg mit „In einer Welt, in der…”

Das Problem ist weniger ästhetischer Natur – es geht um Erkennbarkeit. Sobald Leserinnen und Leser – seien es Kunden, Journalisten, Geschäftspartner oder Investoren – solche Muster identifizieren, stellen sie unweigerlich die Frage: Steht hier jemand hinter diesem Text, oder hat ein Algorithmus eine Vorlage befüllt?

Vertrauen als zentrales Kapital in der Unternehmenskommunikation

Pressemitteilungen, Geschäftsberichte, Kundenbriefe, LinkedIn-Posts oder CEO-Statements transportieren nicht nur Informationen – sie signalisieren Haltung, Verantwortung und Authentizität.

Texte, die erkennbar maschinell erzeugt wirken, senden das Gegenteil: Sie suggerieren, dass niemand die Mühe auf sich genommen hat, eine eigene Stimme zu formulieren.

Das Vertrauen in die Absenderin oder den Absender sinkt, auch wenn der sachliche Inhalt korrekt ist. Dieser Effekt dürfte sich verstärken, je mehr KI-generierter Content den digitalen Raum füllt und Leserinnen und Leser zunehmend trainiert werden, diese Muster zu erkennen.

Qualitätssicherung als notwendiger Schritt im Produktionsprozess

Die Nutzung von KI-Tools zur Texterstellung ist betriebswirtschaftlich sinnvoll und in vielen Bereichen etabliert. Die entscheidende Frage ist nicht ob, sondern wie.

Large Language Models sind leistungsstarke Entwurfshelfer, aber keine Redakteure mit Markenkenntnissen und kommunikativem Urteilsvermögen. Professionelle Kommunikationsabteilungen sollten KI-Ausgaben als Rohmaterial behandeln, das redaktionell überarbeitet wird – mit dem expliziten Ziel, generische Sprachmuster zu eliminieren und eine unverwechselbare Stimme zu erhalten.

Einige Unternehmen entwickeln inzwischen interne Style Guides, die nicht nur Tonalität und Markenwerte beschreiben, sondern explizit KI-typische Formulierungen ausschließen. Dieser Ansatz ist aufwändiger als das ungefilterte Übernehmen von Modellausgaben – doch er schützt das kommunikative Kapital, das Unternehmen über Jahre aufgebaut haben.

Einordnung für den deutschsprachigen Markt

Im deutschsprachigen Geschäftsumfeld, wo formale Verlässlichkeit und sprachliche Präzision traditionell hohe Stellenwerte genießen, dürften erkennbar maschinell generierte Texte besonders negativ auffallen.

Die technische Effizienz des Werkzeugs entfaltet ihren Wert erst dann vollständig, wenn das Endergebnis nicht mehr nach Werkzeug klingt.

Für Kommunikations- und Marketingverantwortliche empfiehlt sich daher eine kritische Bestandsaufnahme bestehender Content-Prozesse: Wo setzt die menschliche Redaktion an – und reicht ihre Tiefe aus, um KI-Sprachmuster zuverlässig zu tilgen?


Quelle: The Guardian – Kommentar: ChatGPT’s stylistic quirk

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