HEVC-Lizenzstreit: Warum der Videocodec für Gerätehersteller zum Kostenproblem wird

Wer heute ein Gerät mit 4K-Videowiedergabe entwickelt, kämpft nicht nur mit technischen Herausforderungen – sondern mit einem juristischen Minenfeld aus konkurrierenden Patentpools, aggressiven Lizenzklägern und einer Gebührenstruktur, die selbst Experten kaum durchblicken. Der Videocodec HEVC wird für viele Hersteller zum kalkulierten Risiko.

HEVC-Lizenzstreit: Warum der Videocodec für Gerätehersteller zum Kostenproblem wird

Der Videocodec HEVC (High Efficiency Video Coding) gilt technisch als effizienter Nachfolger von H.264 – doch ein komplexes Geflecht aus Patentpools, Lizenzklagen und unklaren Gebührenstrukturen sorgt dafür, dass immer mehr Hersteller die Unterstützung des Formats schlicht streichen. Was zunächst wie eine technische Entscheidung wirkt, ist in vielen Fällen ein juristisches und finanzielles Kalkül.


Drei Patentpools, keine einheitliche Lösung

Das Grundproblem liegt in der fragmentierten Lizenzlandschaft rund um HEVC. Statt einer zentralen Lizenzierungsstelle existieren mehrere konkurrierende Patentpools – darunter HEVC Advance, Via Licensing Alliance und der inzwischen aufgelöste MPEG LA-Pool für HEVC. Jeder dieser Pools verwaltet eigene Patentportfolios, stellt eigene Lizenzanforderungen und verlangt eigene Gebühren.

Für einen Gerätehersteller bedeutet das im Zweifel: mehrfach zahlen, mehrfach verhandeln, mehrfach rechtliche Risiken abwägen.

Hinzu kommt, dass einzelne Patentinhaber außerhalb der Pools – sogenannte Non-Practicing Entities, im Volksmund auch Patent-Trolle genannt – zunehmend Klagen gegen Gerätehersteller anstrengen. Nokia etwa hat in der Vergangenheit aggressiv Patentrechte rund um Videocodecs geltend gemacht und dabei auch Hersteller wie HP und Dell ins Visier genommen. Solche Verfahren können sich über Jahre hinziehen und erhebliche Prozess- sowie Lizenzkosten verursachen.


Warum Hersteller HEVC-Support einfach abschalten

Die praktische Konsequenz aus dieser Gemengelage zeigt sich in konkreten Produktentscheidungen. Hersteller von NAS-Systemen, Streaming-Geräten oder Business-Laptops wägen ab, ob der Mehrwert der HEVC-Unterstützung die Lizenz- und Rechtskosten rechtfertigt. In einigen Fällen lautet das Ergebnis: nein.

Anbieter wie Synology haben in bestimmten Produktlinien HEVC-Funktionen eingeschränkt oder entfernt – nicht aus technischen Gründen, sondern um Lizenzrisiken zu vermeiden.

Dabei ist die Gebührenstruktur selbst alles andere als transparent. Je nach Anwendungsfall gelten unterschiedliche Regelungen:

  • Hardware-Dekodierung
  • Software-Implementierung
  • Cloud-Streaming

Royalty-Modelle können pro Gerät, pro Stream oder als Pauschalgebühr strukturiert sein. Für kleinere Anbieter oder Unternehmen, die HEVC in eigenen Softwarelösungen einsetzen, ist die korrekte Lizenzierung damit kaum ohne anwaltliche Begleitung zu navigieren.


AV1 als Ausweg – mit eigenen Einschränkungen

Als Reaktion auf die Lizenzproblematik haben große Technologieunternehmen gemeinsam den offenen Codec AV1 entwickelt, der über die Alliance for Open Media (AOMedia) lizenzfrei bereitgestellt wird. Unternehmen wie Google, Apple, Microsoft, Amazon und Meta gehören dem Konsortium an.

AV1 setzt sich im Streaming-Bereich zunehmend durch – YouTube und Netflix nutzen das Format bereits großflächig.

Allerdings ist AV1 kein vollständiger Ersatz: Die Hardware-Unterstützung ist in älteren Gerätegenerationen noch lückenhaft, und die Encoder-Performance bei der Echtzeit-Verarbeitung bleibt rechenintensiv. Für Unternehmensanwendungen, die auf breite Gerätekompatibilität angewiesen sind, bleibt HEVC vorerst relevant.


Einordnung für deutsche Unternehmen

Für deutsche Unternehmen, die eigene Software, Geräte oder Streaming-Dienste mit HEVC-Unterstützung entwickeln oder vertreiben, ist eine rechtliche Prüfung der Lizenzsituation unumgänglich. Die Frage, welche Patentpools für den jeweiligen Anwendungsfall relevant sind und ob bestehende Implementierungen eine separate Lizenzierung erfordern, lässt sich nicht pauschal beantworten.

Mittelfristig dürfte die Migration zu lizenzfreien Codecs wie AV1 oder dem neueren VVC (Versatile Video Coding) – das allerdings ähnliche Lizenzprobleme wie HEVC aufweist – für viele Anbieter zur strategischen Abwägung werden.

Wer heute in Videoinfrastruktur investiert, sollte die Codec-Wahl nicht allein nach technischen Kriterien treffen.


Quelle: Ars Technica – Lawsuits, licensing, and royalties are complicating 4K video support in gadgets

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