Interne Kommunikation soll belegen, wie Amazon systematisch Preisdruck auf Drittanbieter ausübt – mit Konsequenzen weit über die USA hinaus. Ein Kartellverfahren könnte den globalen E-Commerce grundlegend verändern.
Interne E-Mails belasten Amazon in US-Kartellverfahren
In einem laufenden Kartellrechtsstreit in den USA sind interne Kommunikationsdaten aufgetaucht, die zeigen sollen, wie Amazon gezielt Druck auf Händler ausübt, um Preiserhöhungen plattformübergreifend durchzusetzen. Die Dokumente, auf die sich die Kläger stützen, zeichnen das Bild eines systematischen Vorgehens – mit potenziell weitreichenden Konsequenzen für den globalen E-Commerce.
Vorwurf: Preisparität durch Marktmacht erzwungen
Kern der Klage ist der Vorwurf, Amazon nutze seine Marktstellung, um Drittanbieter faktisch dazu zu zwingen, ihre Preise auf anderen Plattformen – darunter Walmart, Target und Chewy – anzuheben. Konkret soll Amazon Händlern mit verschlechterter Sichtbarkeit oder dem Entzug der begehrten „Buy Box” gedroht haben, wenn ihre Produkte anderswo günstiger angeboten wurden.
Die zitierten internen E-Mails sollen belegen, dass Amazon-Mitarbeiter diesen Mechanismus bewusst einsetzten und dessen Wirkung intern festhielten:
„It’s working!” – Interner Kommentar eines Amazon-Mitarbeiters, offenbar als Reaktion darauf, dass günstigere Angebote auf Konkurrenzplattformen verschwanden.
Algorithmische Preisüberwachung als Druckmittel
Besonders brisant ist der Aspekt, dass Amazon offenbar ein automatisiertes Überwachungssystem einsetzt, das Preise auf externen Marktplätzen kontinuierlich abgleicht. Sobald ein Produkt bei einem Wettbewerber günstiger gelistet ist, soll das System eine Reaktionskette auslösen – von automatisierten Warnungen an interne Teams bis hin zur direkten Ansprache des betroffenen Händlers.
Dieses Vorgehen ist aus kartellrechtlicher Sicht problematisch, weil es de facto eine horizontale Preiskoordination begünstigt, ohne dass formelle Absprachen zwischen Wettbewerbern notwendig wären. Der Konzern soll durch seine Plattformarchitektur selbst als Koordinationsmechanismus fungieren.
Amazons bisherige Position
Amazon hat die Vorwürfe zurückgewiesen. Das Unternehmen argumentiert, seine Preisrichtlinien seien legitim und dienten dem Ziel, Kunden stets das beste Angebot zu präsentieren – ein Grundprinzip des Wettbewerbs, nicht dessen Einschränkung. Die sogenannte „Fair Pricing Policy” sei transparent und werde gegenüber allen Händlern gleich angewandt.
Rechtlich steht Amazon in den USA unter erheblichem Druck: Die Federal Trade Commission (FTC) führt bereits ein separates Kartellverfahren gegen den Konzern.
Die nun aufgetauchten Dokumente könnten das laufende Zivilverfahren deutlich verstärken, da sie interne Kenntnis und zielgerichtetes Handeln dokumentieren sollen – Elemente, die für eine kartellrechtliche Haftung in der Regel entscheidend sind.
Bedeutung für den deutschen und europäischen Markt
Für Unternehmen im deutschsprachigen Raum ist der Fall aus mehreren Gründen relevant:
- Viele mittelständische Händler sind ebenfalls auf Amazon.de als primären Absatzkanal angewiesen und unterliegen vergleichbaren Preisparitätsregeln.
- Die Europäische Kommission leitete bereits 2022 eigene Untersuchungen gegen Amazon ein, die unter anderem die Nutzung von Händlerdaten und die Buy-Box-Vergabe betrafen.
- Der Digital Markets Act (DMA), der seit 2024 für Gatekeeper wie Amazon gilt, enthält explizite Verbote bestimmter Paritätspraktiken.
Sollte das US-Verfahren Amazon eine bewusste, systematische Preissteuerung nachweisen, dürfte dies auch europäischen Wettbewerbsbehörden neue Argumente liefern. Händler, die entsprechende Einschränkungen beobachten, können Beschwerden direkt bei der EU-Kommission oder beim Bundeskartellamt einreichen, das in der Vergangenheit bereits mehrfach gegen Amazon tätig geworden ist.
Quelle: Ars Technica – Internal emails show how Amazon raises prices across the internet, lawsuit says