Was wäre, wenn man einen Spezialisten jederzeit fragen könnte – ohne Warteliste, ohne Terminbuchung, ohne Stundensatz? Das US-Startup Onix macht genau das möglich: Echte Fachleute lizenzieren ihr Wissen, KI übernimmt die Gesprächsführung. Ein Modell mit großem Potenzial – und erheblichen offenen Fragen.
KI-Klone von Fachleuten: Startup vermarktet digitale Experten-Avatare auf Abruf
Das US-amerikanische Startup Onix baut eine Plattform auf, auf der Nutzer gegen Bezahlung mit KI-gestützten Versionen echter Experten interagieren können – etwa Therapeuten, Ernährungsberater oder Mediziner. Das Geschäftsmodell verbindet den Marktplatz-Ansatz etablierter Plattformen mit dem wachsenden Interesse an personalisierten KI-Assistenten.
Das Konzept: Experten lizenzieren ihr Wissen
Das Kernprinzip ist schnell erklärt: Fachleute stellen Onix ihre Expertise, Gesprächsmuster und Inhalte zur Verfügung, auf deren Basis ein digitaler Zwilling trainiert wird. Nutzer können anschließend mit diesen KI-Versionen chatten – für Fragen, die bislang eine kostenpflichtige Konsultation oder zumindest eine Wartezeit erfordert hätten. Die menschlichen Experten verdienen dabei an jeder Interaktion mit, ähnlich wie Autoren auf Content-Plattformen wie Substack.
Wer bislang nur eine begrenzte Anzahl von Klienten betreuen konnte, kann sein Wissen damit theoretisch unbegrenzt skalieren.
Die Zielgruppe von Onix umfasst vor allem Menschen, die keinen unmittelbaren Zugang zu bestimmten Fachleuten haben – sei es aus finanziellen Gründen, wegen langer Wartelisten oder geografischer Distanz. Der Preis für eine Sitzung soll je nach Experte und Thema variieren.
Wo die Grenzen liegen
Das Modell wirft unmittelbar regulatorische und ethische Fragen auf. Gerade im medizinischen und therapeutischen Bereich unterliegt die Beratung in den meisten Ländern strengen Zulassungsregelungen. Eine KI, die im Namen eines zugelassenen Arztes oder Psychologen spricht, bewegt sich in einer rechtlich unklaren Zone – unabhängig davon, wie sorgfältig das Modell trainiert wurde.
Hinzu kommt das Problem der Haftung: Wenn ein digitaler Zwilling eines Ernährungsberaters fehlerhafte oder kontextblinde Empfehlungen gibt, ist nicht eindeutig geregelt, wen das rechtlich trifft – das Startup, den Experten oder beide.
Onix positioniert seine Plattform bislang als Informations- und Orientierungshilfe, nicht als medizinische Diagnose oder Therapie. Ob diese Abgrenzung regulatorischen Anforderungen standhält, bleibt offen.
Ein Markt mit Potenzial – und Vorläufern
Das Modell steht nicht allein. Plattformen wie Character.ai oder die Funktion „Memory” in ChatGPT zeigen, dass Nutzer bereit sind, mit personalisierten KI-Gesprächspartnern zu interagieren. Neu bei Onix ist die explizite Verknüpfung mit realen, namentlich bekannten Experten, die damit ihr persönliches Wissen als skalierbares digitales Produkt vermarkten.
Das verändert nicht nur das Einkommensmodell einzelner Fachleute, sondern auch die Logik ganzer Beratungsberufe.
Einordnung für deutsche Unternehmen
Für deutschsprachige Unternehmen ist das Onix-Modell auf mehreren Ebenen relevant:
- Als Geschäftsmodell-Referenz: Wer interne Expertise besitzt – etwa in Unternehmensberatung, Recht oder Personalentwicklung – könnte ähnliche Ansätze prüfen, um Wissen zu skalieren, ohne proportional mehr Personal einzusetzen.
- Als regulatorische Warnung: In Deutschland und Österreich sind die berufsrechtlichen Anforderungen an Heilberufe und Rechtsberatung deutlich strenger als in den USA. Jede Umsetzung vergleichbarer Konzepte würde eine enge Abstimmung mit Aufsichtsbehörden und Berufsverbänden erfordern.
Die Idee, Fachwissen als KI-Produkt zu lizenzieren, dürfte in den kommenden Jahren auch hierzulande auf die Agenda rücken – die regulatorischen Rahmenbedingungen sind dabei die entscheidende Variable.
Quelle: Wired AI – Onix: The Startup Turning Experts Into AI Clones