Ein Mann, der einst die Tabakindustrie von innen heraus erschütterte, richtet heute seinen Blick auf Silicon Valley – und was er sieht, klingt erschreckend vertraut: dieselben Tricks, dieselben Lügen, dieselbe Gleichgültigkeit gegenüber menschlichem Schaden.
Big-Tobacco-Whistleblower zieht Parallelen zur Social-Media-Industrie
Bekannte Muster, neue Branche
Jeffrey Wigand, der in den 1990er-Jahren als Forschungsleiter bei Brown & Williamson Tobacco die bewusste Nikotinmanipulation in Zigaretten öffentlich machte und damit eine der bedeutendsten Whistleblower-Affären der US-Geschichte auslöste, erhebt schwere Vorwürfe gegen die Tech-Branche. Gegenüber dem Guardian erklärte er, Social-Media-Plattformen hätten von Anfang an Suchtmechanismen in ihre Produkte eingebaut – mit vollem Wissen um die psychologischen Folgen, insbesondere bei Jugendlichen.
„Ich habe Social Media immer als schädlich betrachtet.” – Jeffrey Wigand
Der Vergleich ist dabei kein rein rhetorischer. Wigand beschreibt strukturelle Ähnlichkeiten zwischen beiden Industrien:
- Interne Studien, die auf Schadenspotenzial hinweisen, werden zurückgehalten oder relativiert
- Lobbyarbeit verhindert wirksame gesetzliche Einschränkungen
- Das Geschäftsmodell basiert fundamental auf der Maximierung von Verweildauer – unabhängig von den Folgen für die Nutzer
Das Suchtprinzip als Produkt-Feature
Während Tabakunternehmen Nikotin chemisch so optimierten, dass die Abhängigkeit steigt, nutzen Plattformen wie Meta, TikTok oder YouTube algorithmische Systeme, die auf Belohnungsschleifen ausgelegt sind. Dopaminerge Reaktionen auf Likes, Kommentare und Benachrichtigungen erzeugen Verhaltensmuster, die Suchtforschern zufolge neurologisch mit substanzgebundenen Abhängigkeiten vergleichbar sind.
Wigand sieht darin keine zufällige Nebenwirkung, sondern eine bewusste Designentscheidung.
Belege dafür tauchen regelmäßig in internen Dokumenten auf, die durch Whistleblower oder Gerichtsverfahren öffentlich wurden – darunter die Unterlagen der ehemaligen Facebook-Mitarbeiterin Frances Haugen aus dem Jahr 2021, die belegten, dass Meta über negative Effekte seiner Plattformen auf Teenager informiert war.
Regulierungsdruck wächst – auch in Europa
Die politische Reaktion gewinnt an Fahrt. In der Europäischen Union verpflichtet der Digital Services Act (DSA) große Plattformen seit 2024 zu mehr Transparenz bei algorithmischen Empfehlungssystemen und zur Risikoabschätzung für schutzbedürftige Nutzergruppen. Parallel laufen in mehreren US-Bundesstaaten Sammelklagen gegen Meta und andere Konzerne, in denen Eltern und Gesundheitsbehörden Schadensersatz für suchtbedingte Schäden bei Minderjährigen fordern.
Wigand selbst spricht sich für ein ähnliches Vorgehen aus wie es letztlich die Tabakindustrie zwang, ihre Praktiken zu ändern: gerichtliche Verurteilungen, gesetzliche Werbeverbote und verpflichtende Warnhinweise. Ob dieser Weg bei digitalen Produkten gangbar ist, bleibt rechtlich wie politisch umstritten.
Einordnung für deutsche Unternehmen
Für Unternehmen in Deutschland, die Social-Media-Plattformen als Marketingkanal oder interne Kommunikationslösung einsetzen, gewinnt die Debatte eine konkrete Compliance-Dimension. Drei Aspekte verdienen besondere Aufmerksamkeit:
- Der DSA schreibt Plattformbetreibern Rechenschaftspflichten vor, die indirekt auch werbetreibende Unternehmen betreffen
- Das Thema digitales Wohlbefinden am Arbeitsplatz rückt stärker in den Fokus von HR- und Nachhaltigkeitsstrategien
- Die laufenden Gerichtsverfahren in den USA könnten Präzedenzfälle schaffen, die auch gewerbliche Nutzer von Plattformen betreffen
Was heute für Plattformbetreiber gilt, könnte morgen auch deren gewerbliche Nutzer treffen.
Quelle: The Guardian
