Kalifornien suspendiert die Durchsetzung seines vielbeachteten Disclosure of Diversity Data Act – ein Signal, das weit über die Grenzen des Bundesstaates hinaus wahrgenommen wird und die wachsende Spannung zwischen DEI-Verpflichtungen und politischem Gegenwind offenbart.
Kalifornien setzt DEI-Berichtspflicht für Risikokapitalgeber vorübergehend aus
Kalifornien hat die Durchsetzung eines Gesetzes suspendiert, das Venture-Capital-Firmen zur Offenlegung von Diversitätsdaten verpflichtet. Der Schritt kommt inmitten einer breiteren politischen Debatte über DEI-Maßnahmen in der US-amerikanischen Wirtschaft und sendet ein klares Signal an den Investmentmarkt.
Hintergrund: Was das Gesetz vorsah
Der sogenannte Disclosure of Diversity Data Act wurde 2023 vom kalifornischen Gesetzgeber verabschiedet und sollte VC-Firmen verpflichten, demografische Daten über ihre Investmentteams sowie über Gründerinnen und Gründer in ihren Portfoliounternehmen zu erheben und zu veröffentlichen. Ziel war es, strukturelle Ungleichgewichte im Risikokapitalmarkt sichtbar zu machen – einer Branche, in der Frauen und ethnische Minderheiten nach wie vor deutlich unterrepräsentiert sind.
Die Berichtspflicht trat formal in Kraft, wurde jedoch nun von der zuständigen Behörde bis auf Weiteres nicht durchgesetzt. Als Begründung verwies die Behörde auf technische und administrative Herausforderungen bei der Umsetzung.
Politischer Kontext: DEI unter Druck
Die Entscheidung fällt in einen Zeitraum, in dem Diversity-, Equity- und Inclusion-Programme in den USA massiv unter Druck geraten sind. Seit dem Amtsantritt der Trump-Administration wurden auf Bundesebene zahlreiche DEI-Initiativen zurückgefahren oder ganz abgeschafft. Mehrere US-Konzerne – darunter große Technologieunternehmen – haben ihre freiwilligen DEI-Verpflichtungen ebenfalls reduziert oder aufgegeben.
Auch ein liberaler Bundesstaat wie Kalifornien scheint dem wachsenden Gegenwind gegenüber verpflichtenden Diversitätsmaßnahmen nachzugeben.
Beobachter werten die Aussetzung daher nicht nur als verwaltungstechnischen Schritt, sondern als Reaktion auf ein fundamental verändertes politisches Klima.
Reaktionen aus der Branche
Innerhalb der VC-Branche wurde das ursprüngliche Gesetz von Teilen der Industrie als bürokratische Belastung kritisiert. Insbesondere kleinere Investmentfirmen hatten argumentiert, dass die Datenpflichten unverhältnismäßig hohe Compliance-Kosten verursachen würden. Befürworter hingegen sehen die Aussetzung als klaren Rückschlag für Transparenzbestrebungen in einer nach wie vor wenig regulierten Branche.
Die Zahlen sprechen für sich:
Frauen besetzen lediglich rund 15 Prozent der Entscheidungspositionen in US-amerikanischen VC-Firmen. Der Anteil von Gründerinnen an VC-Finanzierungen liegt nach wie vor im einstelligen Prozentbereich.
— National Venture Capital Association
Einordnung für den europäischen Markt
Für deutsche und europäische Venture-Capital-Investoren ist die Entwicklung aus mehreren Perspektiven relevant:
- Regulatorische Angreifbarkeit: Selbst in fortschrittlichen US-Bundesstaaten bleiben Diversitätsmessvorgaben politisch anfechtbar.
- Gegenläufige Entwicklung in Europa: Die EU-Richtlinie zur Nachhaltigkeitsberichterstattung (CSRD) umfasst soziale Kennzahlen, die mittelbar Diversitätsaspekte adressieren – und wird sukzessive verbindlicher.
- Transatlantische Divergenz: Was in Kalifornien gerade zurückgefahren wird, könnte in Frankfurt oder München schon bald zur Pflichtangabe werden.
Für deutsche Investmentfirmen, die mit US-amerikanischen Co-Investoren kooperieren oder transatlantische Portfoliostrategien verfolgen, empfiehlt sich eine genaue Beobachtung dieser regulatorischen Schere.
Quelle: Wired – California Temporarily Lets VCs Off the Hook for DEI Reporting
