Britische Forscher haben die Grenzen der Glasfaser-Datenübertragung neu definiert: Mit 402 Terabit pro Sekunde über ein einziges Kabel markiert das Experiment der Aston University einen Weltrekord – und deutet an, wie viel ungehobenes Potenzial in der bestehenden Netzinfrastruktur steckt.
Glasfaser-Weltrekord: Forscher übertragen Daten mit 402 Terabit pro Sekunde
Britische Wissenschaftler haben einen neuen Übertragungsrekord für Glasfaserkabel aufgestellt. Über eine einzige Glasfaser lassen sich demnach Daten mit einer Geschwindigkeit von 402 Terabit pro Sekunde transportieren – rechnerisch genug, um 50 Millionen Videostreams in HD-Qualität gleichzeitig zu übertragen.
Neue Frequenzbänder als Schlüssel
Das Forschungsteam der Aston University in Birmingham nutzte für den Rekord bislang weitgehend ungenutzte Frequenzbänder innerhalb des Glasfaserspektrums. Herkömmliche kommerzielle Systeme arbeiten überwiegend im sogenannten C-Band, einem relativ schmalen Wellenlängenbereich. Die britischen Forscher erweiterten die Übertragung auf das E-Band und S-Band, die zusammen deutlich mehr Kapazität bieten.
Kombiniert mit speziellen optischen Verstärkern ergibt sich ein deutlicher Kapazitätszuwachs – ohne dass neue Kabel verlegt werden müssen.
Entscheidend ist dabei, dass für diesen Durchsatz keine neue physische Infrastruktur verlegt werden muss. Bestehende Glasfaserkabel könnten prinzipiell für deutlich höhere Datenraten genutzt werden – sofern die Netzausrüstung an den Endpunkten entsprechend aufgerüstet wird. Das senkt potenzielle Investitionskosten für Netzbetreiber erheblich.
Relevanz für KI-Infrastruktur
Die Entwicklung kommt zu einem Zeitpunkt, an dem der Bandbreitenbedarf durch KI-Anwendungen stark wächst. Das Training großer Sprachmodelle erfordert die Übertragung enormer Datensätze zwischen Rechenzentren, Speichersystemen und Verarbeitungseinheiten. Auch der Inference-Betrieb – also die Beantwortung von Nutzeranfragen in Echtzeit – erzeugt erhebliche Netzlast, insbesondere wenn Modelle auf verteilten Serverarchitekturen laufen.
Cloud-Anbieter und Betreiber von KI-Infrastruktur stehen vor der Herausforderung, Rechenkapazität und Netzwerkleistung parallel zu skalieren. Ein Engpass auf der Übertragungsseite kann selbst gut ausgestattete Rechenzentren ausbremsen.
Rekorde wie dieser zeigen, dass zumindest auf der physischen Übertragungsebene noch erhebliches Potenzial schlummert.
Abstand zwischen Labor und Markt
Allerdings ist der Sprung vom Forschungsexperiment zur kommerziellen Verfügbarkeit erheblich. Die im Labor genutzten optischen Verstärker für E- und S-Band sind bislang teuer und nicht in der für Backbone-Netze nötigen Stückzahl verfügbar. Bis entsprechende Technologie in den Produkten großer Netzwerkausrüster wie Cisco, Nokia oder Huawei auftaucht, dürften noch mehrere Jahre vergehen.
Bisherige Rekorde aus ähnlichen Forschungsprojekten haben gezeigt, dass der Weg in die Praxis oft fünf bis zehn Jahre in Anspruch nimmt.
Einordnung für deutsche Unternehmen
Für deutsche Unternehmen, die eigene KI-Infrastruktur aufbauen oder Cloud-Dienste intensiv nutzen, ist dieser Forschungsfortschritt mittelfristig relevant. Die Kapazitätsgrenze im Glasfasernetz gilt in Fachkreisen als eine der unterschätzten Engstellen beim Ausbau von KI-Rechenzentren.
Sollten sich die im Labor erzielten Übertragungsraten in absehbarer Zeit kommerzialisieren lassen, würden Netzbetreiber erheblich mehr Spielraum gewinnen – ohne kostspielige Neuprojekte zum Verlegen zusätzlicher Kabel. Für Entscheider in datenintensiven Branchen lohnt es sich, die Entwicklung bei optischer Netzwerktechnologie in der Infrastrukturplanung zu berücksichtigen.
Quelle: New Scientist Tech
