Die Uhr tickt: Während Quantencomputer immer leistungsfähiger werden, sammeln staatliche und kriminelle Akteure bereits heute verschlüsselte Daten – in der Erwartung, sie später zu knacken. Für Unternehmen und Behörden zählt jetzt jeder Monat.
Quantencomputer und Verschlüsselung: Der Zeitdruck wächst
Die Fähigkeit von Quantencomputern, gängige Verschlüsselungsstandards zu brechen, rückt nach Einschätzung von Experten schneller näher als bislang angenommen. Sicherheitsforscher und Kryptographen warnen, dass Unternehmen und Behörden dringend mit der Migration auf quantensichere Verfahren beginnen müssen – bevor die Bedrohung konkret wird.
Der Stand der Technik
Aktuelle Quantencomputer arbeiten mit einer begrenzten Anzahl von Qubits und sind fehleranfällig. Um den weit verbreiteten RSA- oder elliptischen-Kurven-Kryptographie-Standard zu brechen, bräuchte ein Quantencomputer nach bisherigen Schätzungen Millionen fehlerkorrigierter Qubits. Doch die Fortschritte bei der Fehlerkorrektur und die steigende Qubit-Zahl bei Systemen von IBM, Google und anderen Anbietern verkürzen den Zeitraum bis zur sogenannten „kryptographisch relevanten” Schwelle kontinuierlich.
Führende Forscher gehen inzwischen davon aus, dass ein solches System innerhalb eines Jahrzehnts – möglicherweise früher – einsatzbereit sein könnte. Exakte Prognosen sind schwierig, da entscheidende Entwicklungsschritte teils in nichtöffentlichen Forschungsumgebungen stattfinden, auch im staatlichen und militärischen Bereich.
„Harvest Now, Decrypt Later”
Ein oft unterschätztes Risiko ist die sogenannte „Harvest Now, Decrypt Later”-Strategie: Staatliche und kriminelle Akteure sammeln bereits heute verschlüsselte Datenpakete, in der Erwartung, diese später mit Quantencomputern zu entschlüsseln.
Das betrifft besonders langlebige sensible Daten – etwa Patientenakten, Finanzinformationen, Behördenkommunikation oder Unternehmensgeheimnisse mit langer Halbwertszeit.
Für Unternehmen bedeutet das: Der relevante Zeithorizont ist nicht erst der Moment, an dem Quantencomputer einsatzbereit sind – sondern jetzt, sobald schützenswerte Daten im Umlauf sind.
Post-Quanten-Kryptographie als Antwort
Das National Institute of Standards and Technology (NIST) hat 2024 die ersten standardisierten Post-Quanten-Kryptographie-Algorithmen (PQC) veröffentlicht, darunter ML-KEM (früher CRYSTALS-Kyber) und ML-DSA (früher CRYSTALS-Dilithium). Diese Verfahren sind so konzipiert, dass sie auch gegen Angriffe durch Quantencomputer standhalten sollen.
Die Europäische Union und das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) haben entsprechende Migrationsempfehlungen herausgegeben. Das BSI stuft den Handlungsbedarf explizit als hoch ein und empfiehlt den Einsatz hybrider Verfahren, die klassische und quantensichere Algorithmen kombinieren – um sowohl gegen aktuelle als auch zukünftige Bedrohungen gewappnet zu sein.
Technische und organisatorische Herausforderungen
Die Umstellung auf PQC ist kein triviales Unterfangen. Verschlüsselung ist tief in Protokolle, Software-Bibliotheken, Hardware-Token und Zertifikatsinfrastrukturen eingebettet. Eine vollständige Migration erfordert:
- Bestandsaufnahmen aller kryptographischen Abhängigkeiten
- Anpassungen in der IT-Architektur
- Koordinierte Updates entlang der gesamten Lieferkette – einschließlich externer Dienstleister
Besonders betroffen sind Branchen mit langen Produktlebenszyklen: Industrie-Automatisierung, Medizintechnik und kritische Infrastrukturen, wo Hardware oft über viele Jahre im Einsatz bleibt und nicht kurzfristig aktualisiert werden kann.
Einordnung für deutsche Unternehmen
Für deutsche Unternehmen ergibt sich konkreter Handlungsbedarf auf mehreren Ebenen:
- Bestandsaufnahme der eingesetzten kryptographischen Verfahren durchführen
- PQC-Migration in bestehende IT-Sicherheitsstrategien integrieren – nicht als separates Zukunftsprojekt behandeln
- Jetzt mit der Planung beginnen, um spätere Zeitdruck-Migrationen unter ungünstigen Bedingungen zu vermeiden
Die Frage ist weniger ob Quantencomputer klassische Verschlüsselung brechen werden – sondern wann.
Quelle: New Scientist Tech – „The first quantum computer to break encryption is now shockingly close”
