Ein Projekt, das als überschaubares Upgrade begann, ist zum Sinnbild staatlicher IT-Fehlplanung geworden: Die neue GPS-Steuerungssoftware der US-Streitkräfte verschlingt seit 16 Jahren Milliarden – und ist bis heute nicht einsatzbereit. Was dahintersteckt, ist eine erschreckend vertraute Geschichte.
GPS-Modernisierung der US-Streitkräfte: Nach 16 Jahren und 8 Milliarden Dollar funktioniert die Software immer noch nicht
Das wohl kostspieligste Softwareprojekt der US-Streitkräfte steht exemplarisch für alles, was bei staatlichen IT-Großprojekten schiefgehen kann: Nach 16 Jahren Entwicklungszeit und Ausgaben von rund 8 Milliarden US-Dollar ist die neue Steuerungssoftware für das GPS-System des Militärs bis heute nicht einsatzbereit. Der Fall liefert eine nüchterne Bestandsaufnahme klassischer Projektmanagement-Fehler – und ist damit weit mehr als eine militärische Fußnote.
Ein Projekt ohne Ende
Der Ausgangspunkt war legitim: Das bestehende GPS-Kontrollsystem der US-Streitkräfte, entwickelt in den 1980er und 1990er Jahren, sollte durch eine moderne, leistungsfähigere Plattform ersetzt werden. Der Auftrag ging an Raytheon, heute Teil von RTX. Was als überschaubares Modernisierungsprojekt begann, entwickelte sich zu einem der teuersten Software-Fehlschläge in der Geschichte der US-Verteidigung.
Laut einem Bericht von Ars Technica auf Basis offizieller Dokumente und Anhörungen ist das sogenannte „Next Generation Operational Control System” (OCX) auch nach mehr als anderthalb Jahrzehnten nicht in der Lage, den operativen Anforderungen zu genügen.
„Very stressing” – so soll ein Vertreter der US Space Force die Situation intern bezeichnet haben. Die Wortwahl ist diplomatisch. Die Realität dahinter weniger.
Klassische Fehlermuster im Großprojekt
Die Ursachenanalyse liest sich wie ein Lehrbuch für gescheiterte IT-Vorhaben:
- Unterschätzte Anforderungen: Insbesondere die Cybersecurity-Vorgaben wurden nach Projektbeginn erheblich verschärft – Raytheon musste die Architektur mehrfach grundlegend überarbeiten.
- Wechselnde Anforderungen seitens der Auftraggeber destabilisierten Planung und Zeitrahmen kontinuierlich.
- Unzureichende Governance: Fehlende Kontrollmechanismen für Lieferleistungen und ein Vertragssystem ohne wirksame Anreize für termingerechte Ergebnisse.
- Fortschritt auf dem Papier: Das Programm wurde mehrfach neu strukturiert, Liefertermine verschoben, Teilsysteme als eigenständige Meilensteine deklariert – ein bekanntes Muster, um Bewegung zu signalisieren, ohne das eigentliche Ziel zu erreichen.
Betriebsfähigkeit mit Abstrichen
Um den Totalstillstand zu vermeiden, setzt das Militär derzeit auf eine Übergangslösung: Das alte Kontrollsystem bleibt in Betrieb, ergänzt durch einzelne bereits abgenommene Teilkomponenten des neuen OCX. Eine vollständige Ablösung ist nicht in Sicht.
Für Milliarden ziviler GPS-Geräte weltweit hat der Rückstand bisher keine unmittelbaren Folgen. Der operative Druck steigt jedoch: Neue GPS-Satelliten der dritten Generation sind bereits im Orbit – ihre volle Leistungsfähigkeit kann ohne die neue Bodensoftware schlicht nicht ausgeschöpft werden.
Einordnung für deutsche Unternehmen und öffentliche Auftraggeber
Der Fall ist keine amerikanische Besonderheit. Ähnliche Muster finden sich in deutschen Großprojekten der öffentlichen Verwaltung und in privaten Konzernen gleichermaßen: ERP-Einführungen, Migration kritischer Infrastrukturen, Digitalisierung von Behördenprozessen. Die Lehren sind bekannt – sie werden nur selten konsequent gezogen.
Für IT-Entscheider in Deutschland lassen sich drei strukturelle Risikofaktoren ableiten:
- Nachträgliche Anforderungsänderungen – etwa durch neue Regulierung oder Sicherheitsstandards – erhöhen die Projektkomplexität überproportional.
- Fehlende Governance-Strukturen bei Großaufträgen verhindern eine wirksame Lieferantenkontrolle.
- Institutionelle Beharrungskräfte begünstigen das Weiterführen gescheiterter Projekte gegenüber dem frühzeitigen Abbruch – selbst dann, wenn ein Neustart wirtschaftlich längst sinnvoller wäre.
Wer diese Dynamiken nicht aktiv adressiert, läuft Gefahr, Jahre später ähnliche Erklärungen abgeben zu müssen wie der US Space Force heute.
Quelle: Ars Technica
