Der Ukraine-Krieg hat eine neue Ära der Satellitenkommunikation eingeläutet – und gleichzeitig eine gefährliche Abhängigkeit westlicher Streitkräfte von privatem US-amerikanischen Kapital bloßgelegt. Nun beginnt das globale Wettrüsten im Orbit.
Militärs weltweit drängen auf eigene Satellitennetzwerke – Abhängigkeit von Starlink als strategisches Risiko
Starlink als Lehrstück für militärische Planungsabteilungen
Die rund 7.000 Starlink-Satelliten von SpaceX bilden heute das größte und leistungsfähigste kommerzielle Satellitenbreitbandnetz der Welt. Die ukrainischen Streitkräfte nutzen das System seit Kriegsbeginn intensiv – für Drohnensteuerung, Truppenkommunikation und Lageerkennung. Die operative Wirksamkeit dieses Ansatzes ist in Militärkreisen unbestritten.
Wer auf private Infrastruktur angewiesen ist, verliert die Kontrolle über kritische Kommunikationswege.
Ebenso unbestritten ist jedoch, dass SpaceX-Chef Elon Musk mehrfach demonstriert hat, dass er die Nutzungsbedingungen eigenständig einschränken kann. Berichte über unterbrochene Abdeckung in bestimmten Kampfgebieten haben das Vertrauen in die uneingeschränkte Verfügbarkeit kommerzieller Anbieter nachhaltig beschädigt.
Staatliche Alternativen entstehen unter Zeitdruck
Als Reaktion darauf arbeiten mehrere Staaten und Staatenbündnisse an eigenen Low-Earth-Orbit-Netzwerken (LEO):
- Die Europäische Union verfolgt mit dem IRIS²-Projekt (Infrastructure for Resilience, Interconnectivity and Security by Satellite) ein Vorhaben, das bis 2030 rund 290 Satelliten in die Umlaufbahn bringen soll – explizit konzipiert für souveräne Regierungskommunikation.
- Das Vereinigte Königreich hat über die Beteiligung an OneWeb, heute Eutelsat OneWeb, bereits eine eigene Infrastruktur gesichert.
- Die USA finanzieren parallel mehrere Rüstungsprogramme für redundante Satellitenkommunikation, darunter Projekte der Space Development Agency.
Das strukturelle Problem: Skalierung braucht Zeit und Kapital
Der entscheidende Nachteil staatlicher Programme gegenüber SpaceX liegt in der Geschwindigkeit. Starlink konnte in wenigen Jahren tausende Satelliten starten, weil SpaceX mit der Falcon-9-Rakete über eine ausgereifte, kostengünstige Trägerrakete verfügt und die Fertigungskapazitäten konsequent industrialisiert hat.
Experten schätzen, dass keines der aktuellen Konkurrenzprojekte vor Mitte der 2030er-Jahre eine vergleichbare Abdeckungsdichte erreichen wird.
Staatliche oder konsortial organisierte Projekte arbeiten langsamer, teurer und unter stärkerem politischen Abstimmungsdruck – ein Strukturproblem, das sich kurzfristig kaum lösen lässt.
Dualnutzung als Planungsgrundlage
Ein weiteres Charakteristikum der neuen Satellitenstrategie ist die bewusste Dualnutzung: Netzwerke wie IRIS² sollen sowohl zivile Breitbandversorgung in unterversorgten Regionen als auch gesicherte Regierungskommunikation gewährleisten. Das macht die Finanzierung politisch breiter tragfähig, schafft aber auch neue Fragen zur Priorisierung von Bandbreite im Konfliktfall.
Einordnung für deutsche Unternehmen
Für deutsche Unternehmen, die auf Satellitenkonnektivität angewiesen sind – etwa in der Logistik, im Energiesektor oder in der Landwirtschaft – verdeutlicht diese Entwicklung ein strukturelles Risiko: Kommerzielle LEO-Dienste sind vorerst überwiegend bei US-amerikanischen Anbietern konzentriert, deren Geschäftspolitik nicht unter europäischer Regulierung steht.
Die Fortschritte bei IRIS² bieten mittelfristig eine Alternative, die allerdings frühestens Ende der 2020er-Jahre operativ verfügbar sein wird. Unternehmen mit kritischen Konnektivitätsanforderungen sollten:
- die Abhängigkeit von Einzelanbietern bereits heute in ihrer Risikobewertung berücksichtigen
- Multi-Anbieter-Strategien aktiv prüfen und entwickeln
- die regulatorischen Entwicklungen rund um IRIS² aufmerksam verfolgen
Quelle: New Scientist Tech – Why the world’s militaries are scrambling to create their own Starlink
