Trotz expliziter EU-Verbote gelangen bezahlte Werbeinhalte auf TikTok ungekennzeichnet zu minderjährigen Nutzern – eine systematische Kennzeichnungslücke untergräbt den Schutz, den der Digital Services Act und die DSGVO eigentlich garantieren sollen.
TikTok: Versteckte Werbung umgeht EU-Schutzregeln für Minderjährige
Forscher haben auf TikTok Werbeinhalte identifiziert, die Minderjährigen gezielt ausgespielt werden – ohne als solche gekennzeichnet zu sein. Das verstößt gegen europäische Datenschutzvorgaben, die personalisierte Werbung für Nutzer unter 18 Jahren explizit untersagen.
Nicht deklarierte Werbung trotz Verbots
Nach dem Digital Services Act (DSA) und der Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) ist es Plattformen in der EU verboten, Nutzerprofile von Minderjährigen für Werbezwecke zu erstellen und zielgerichtete Anzeigen auszuspielen. TikTok hatte wiederholt versichert, diese Vorgaben einzuhalten. Untersuchungen zeigen nun jedoch, dass auf der Plattform Anzeigen erscheinen, die weder als Werbung markiert sind noch den Transparenzanforderungen der EU entsprechen – und die dennoch Minderjährige als Zielgruppe erreichen.
Methode: Umgehung durch fehlende Kennzeichnung
Das eigentliche Problem liegt weniger in einer technischen Lücke als in einer systematischen Kennzeichnungslücke. Inhalte, die kommerziellen Charakter haben und von Marken bezahlt wurden, werden als organische Posts dargestellt. Ohne die vorgeschriebene Markierung als „Werbung” oder „gesponsert” unterlaufen sie die Schutzmechanismen, die auf deklarierte Anzeigenformate ausgerichtet sind.
Plattformseitige Filter greifen dort nicht, wo Werbung formal nicht als solche geführt wird.
Regulatorischer Kontext: Hoher Druck auf Plattformen
TikTok steht in Europa bereits seit Längerem unter regulatorischem Druck. Die EU-Kommission leitete im Jahr 2024 ein formelles Verfahren nach dem DSA gegen die Plattform ein – unter anderem wegen unzureichendem Schutz Minderjähriger und mangelnder Transparenz bei algorithmischen Empfehlungen.
Parallel dazu verhängte die irische Datenschutzbehörde (DPC) eine Geldstrafe in Höhe von 345 Millionen Euro gegen das Unternehmen, weil Daten von Kindern nicht ausreichend geschützt wurden. Die neuen Befunde dürften den Druck auf die Aufsichtsbehörden erhöhen, die Durchsetzung bestehender Vorschriften zu intensivieren.
TikToks Reaktion und strukturelle Kritik
TikTok hat sich zu den konkreten Vorwürfen bislang nicht detailliert geäußert. Grundsätzlich verweist das Unternehmen auf eigene Sicherheitssysteme wie „Family Pairing” und altersbasierte Nutzungsbeschränkungen. Kritiker bemängeln jedoch:
Solange die Plattform selbst festlegt, welche Inhalte als Werbung gelten, bleibt die externe Überprüfbarkeit strukturell begrenzt.
Diese Maßnahmen seien freiwillig und damit grundsätzlich unzureichend, um den gesetzlichen Anforderungen zu genügen.
Einordnung für deutsche Unternehmen
Für Unternehmen, die TikTok als Marketingkanal nutzen, ergeben sich aus diesen Entwicklungen konkrete Handlungsfelder:
- Kennzeichnungspflicht prüfen: Wer Influencer-Kooperationen oder bezahlte Content-Partnerschaften einsetzt, trägt selbst Verantwortung für die korrekte Kennzeichnung – unabhängig von der Klassifizierung durch die Plattform.
- Rechtliche Grundlagen beachten: Das Gesetz gegen unlauteren Wettbewerb (UWG) sowie die DSGVO verpflichten Werbetreibende in Deutschland zur Transparenz.
- Interne Prozesse anpassen: Compliance-Abteilungen sollten bestehende TikTok-Kampagnen auf Kennzeichnungspflichten prüfen und Freigabeprozesse um eine explizite Zielgruppenprüfung ergänzen.
Die Regulierungsintensität im Bereich Minderjährigenschutz auf europäischer Ebene nimmt weiter zu – wer jetzt handelt, minimiert rechtliche und reputationsbezogene Risiken.
Quelle: New Scientist Tech
