Einst Nachhaltigkeits-Ikone, jetzt KI-Infrastruktur-Anbieter: Der Wandel von Allbirds steht exemplarisch für einen beunruhigenden Trend – und wirft grundlegende Fragen über Substanz und Glaubwürdigkeit von KI-Strategien auf.
Allbirds gibt das Schuhgeschäft auf – und will nun KI-Infrastruktur verkaufen
Der einst als Nachhaltigkeits-Vorzeigemarke gehandelte Schuhkonzern Allbirds plant eine vollständige Neuausrichtung: Das Unternehmen möchte künftig als Anbieter von KI-Rechenkapazität auftreten. Was nach einer Satire klingt, ist offizielle Unternehmensstrategie – und steht symptomatisch für einen breiteren Trend im aktuellen KI-Umfeld.
Vom Wollschuh zur GPU-Infrastruktur
Allbirds wurde 2016 mit nachhaltigen Schuhen aus Merinowolle bekannt und erzielte zeitweise eine Marktbewertung von über 1,4 Milliarden US-Dollar. Nach dem Börsengang 2021 folgte ein kontinuierlicher Wertverlust: Der Aktienkurs kollabierte, das Unternehmen schrieb rote Zahlen, Filialen wurden geschlossen. Nun soll ein radikaler Strategiewechsel die Wende bringen – weg vom Consumer-Produkt, hin zu KI-Compute-Infrastruktur.
Konkret plant Allbirds laut Wired, seine bestehende Unternehmenshülle zu nutzen, um in den Markt für KI-Rechenkapazitäten einzusteigen. Das Schuhgeschäft soll dabei weitgehend aufgegeben oder veräußert werden. Stattdessen soll das Unternehmen zu einem Anbieter von GPU-basierter Rechenleistung für KI-Anwendungen werden.
Strukturproblem: Wenn der Hype zur Strategie wird
Der Fall Allbirds ist kein Einzelfall, sondern Teil eines wiederkehrenden Musters. Unternehmen, die in ihren Kernmärkten unter Druck geraten, versuchen durch einen KI-Pivot ihre Bewertung zu stabilisieren oder Investoren neu zu überzeugen. Diese Strategie hat einen eigenen Namen bekommen:
„AI-Washing” – die Übernahme von KI-Rhetorik ohne substanzielle operative Grundlage.
Das Problem dabei ist struktureller Natur: Der Markt für KI-Infrastruktur wird von wenigen großen Akteuren dominiert. AWS, Google Cloud, Microsoft Azure sowie spezialisierte Anbieter wie CoreWeave verfügen über Kapital, technische Expertise und bestehende Kundenbeziehungen in einem Ausmaß, das ein angeschlagener Schuhkonzern schwerlich replizieren kann. Der Aufbau wettbewerbsfähiger Rechenzentrums-Infrastruktur erfordert Milliarden-Investitionen und jahrelangen Vorlauf.
Börsenkurs als eigentliches Ziel
Beobachter sehen in derartigen Ankündigungen vor allem eine Maßnahme zur kurzfristigen Kurspflege. Die bloße Verwendung von Begriffen wie „AI” oder „Compute” in Pressemitteilungen hat in der Vergangenheit häufig ausgereicht, um Aktienkurse vorübergehend zu bewegen – unabhängig vom operativen Realitätsgehalt der Ankündigung.
Das Phänomen erinnert an ähnliche Zyklen früherer Technologie-Hypes – etwa das Anhängen von „.com” an Firmennamen in den späten 1990er-Jahren.
Allbirds steht dabei vor einer doppelten Herausforderung: Das Kerngeschäft ist nachweislich nicht profitabel, und das angestrebte neue Geschäftsfeld erfordert Kompetenzen, Personal und Kapital, die dem Unternehmen aktuell nicht zur Verfügung stehen. Wie genau die operative Umsetzung aussehen soll, bleibt in den bisherigen Ankündigungen auffällig vage.
Einordnung für deutsche Unternehmen
Für Entscheider in Deutschland illustriert der Fall Allbirds, worauf bei KI-Strategieankündigungen zu achten ist – sowohl als Investor als auch als potenzieller Kunde oder Partner:
Substanzielle KI-Infrastruktur entsteht nicht durch eine Pressemitteilung, sondern durch nachweisbare technische Kompetenz, belastbare Partnerschaften und ausreichende Kapitalausstattung.
Unternehmen, die KI-Compute als Ausweg aus einem gescheiterten Kerngeschäft positionieren, sollten mit entsprechender Skepsis bewertet werden. Der Markt für KI-Rechenkapazitäten ist hart umkämpft – und operativer Track Record zählt mehr als strategische Neuausrichtungen per Ankündigung.
Quelle: Wired – Allbirds is Pivoting to AI Compute. Sure, Why Not?