Wer darf sich das Siegel „verantwortungsvolle KI” ans Revers heften? Im Wettbewerb zwischen Anthropic und OpenAI geht es längst nicht mehr nur um Marktanteile – sondern um die moralische Deutungshoheit über eine Technologie, die unsere Gesellschaft grundlegend verändert.
Anthropic gegen OpenAI: Konkurrenz um die Deutungshoheit über verantwortungsvolle KI
Anthropic positioniert sich intern offenbar als ethisch überlegene Alternative zu OpenAI – inklusive eines provokanten Vergleichs: Das eigene Produkt Claude soll sich zur ChatGPT-Konkurrenz verhalten wie ein Gesundheitsprodukt zur Tabakindustrie. Ein neuer Bericht beleuchtet, wie tief die Rivalität zwischen den beiden führenden KI-Anbietern in persönlichen Konflikten wurzelt.
Abspaltung mit persönlichem Hintergrund
Anthropic wurde 2021 von Dario Amodei, seiner Schwester Daniela Amodei und weiteren ehemaligen OpenAI-Mitarbeitern gegründet. Offiziell stand der Wunsch nach stärkerem Fokus auf KI-Sicherheit im Vordergrund. Ein Bericht von Keach Hagey – Autorin einer Biografie über OpenAI-CEO Sam Altman – zeichnet jedoch ein differenzierteres Bild:
Machtkonflikte, persönliche Verletzungen und strategische Differenzen innerhalb von OpenAI spielten eine wesentliche Rolle bei der Gründungsentscheidung.
Die Beziehung zwischen Dario Amodei und Sam Altman soll sich im Laufe der Zeit erheblich verschlechtert haben. Amodei war bei OpenAI als VP of Research tätig und galt als einer der einflussreichsten technischen Köpfe des Unternehmens – bevor er im Streit ausschied.
Sicherheit als Markenversprechen
Was aus dieser Abspaltung entstanden ist, versucht Anthropic strategisch zu nutzen: Das Unternehmen kommuniziert sowohl intern als auch gegenüber potenziellen Partnern und Investoren, dass Sicherheit und Verantwortung keine nachgelagerten Überlegungen seien, sondern im Kern des Produkts steckten.
Der Tabak-Vergleich folgt einer klaren Logik: OpenAI habe primär auf Nutzer-Engagement und Wachstum gesetzt – Anthropic hingegen auf langfristige Verträglichkeit.
Claude, das Large Language Model von Anthropic, wird entsprechend mit ausgeprägt defensiven Sicherheitsmechanismen entwickelt. Das Unternehmen investiert stark in Interpretierbarkeitsforschung und publiziert regelmäßig zu Fragen der KI-Kontrolle und -Ausrichtung.
Marktposition zwischen Ideologie und Realität
Trotz der betonten Differenzierung im Sicherheitsbereich befindet sich Anthropic im gleichen Wettbewerb wie OpenAI: um Unternehmenskunden, Entwickler und Marktanteile. Das Unternehmen hat zuletzt Milliarden an Investitionen von Amazon und Google eingeworben und strebt nach Berichten eine Bewertung von über 60 Milliarden US-Dollar an.
Die ethische Positionierung und kommerzielle Expansion schließen sich dabei nicht aus – sie ergänzen sich in der Außendarstellung. Kritiker weisen jedoch darauf hin:
Das Tabak-Framing ist letztlich selbst ein Marketinginstrument. Beide Unternehmen entwickeln Systeme mit erheblichem gesellschaftlichem Einfluss und konkurrieren um dieselben Ressourcen, Talente und Märkte.
Die Frage, welches Unternehmen tatsächlich verantwortungsvoller handelt, lässt sich kaum durch Selbstbeschreibungen beantworten.
Einordnung für deutsche Unternehmen
Für Entscheider in Deutschland, die zwischen Claude und ChatGPT – oder den dahinterstehenden API-Angeboten – abwägen, liefert die Entstehungsgeschichte beider Unternehmen relevanten Kontext:
- Anthropics Betonung von Sicherheit und Kontrolle kann für Anwendungsfälle mit sensiblen Daten oder regulatorischen Anforderungen ein sachliches Argument sein
- Unternehmen sollten konkrete Sicherheitszertifizierungen, Datenschutzvereinbarungen und die jeweilige EU-Compliance prüfen
- Selbstdarstellungen beider Anbieter sollten kritisch hinterfragt werden
Mit der weiteren Konsolidierung des KI-Marktes dürfte sich die Positionierungsdebatte zwischen den beiden Anbietern weiter verschärfen – und für Einkäufer und IT-Verantwortliche zunehmend komplex werden.
Quelle: The Decoder – ChatGPT vs. Claude: Anthropic sieht sich als gesunde Alternative zur Tabakindustrie
