Jahrzehnte nach seiner Entstehung läuft COBOL noch immer im Kern kritischer Geschäftsprozesse – von Banken über Versicherungen bis hin zu Behörden. Die Programmiersprache aus den 1960er-Jahren ist schwer zu warten, kaum zu ersetzen und bindet Ressourcen, die anderswo dringend gebraucht werden.
COBOL: Warum veraltete Mainframe-Software zum Dauerproblem für Unternehmen wird
Eine Sprache, die nicht stirbt
COBOL – Common Business-Oriented Language – wurde 1959 entwickelt und verarbeitet heute schätzungsweise 95 Prozent aller Bankkartentransaktionen weltweit sowie einen Großteil der staatlichen Sozialleistungssysteme. Die Sprache ist nicht tot; sie ist einbetoniert.
COBOL verhält sich wie Asbest in der Unternehmenssoftware: Es ist überall, es funktioniert nach wie vor – und es herauszulösen ist teurer und riskanter, als es zu lassen.
Der Vergleich ist nicht nur rhetorisch gemeint. Beide Materialien wurden für ihre Zeit als robust und zuverlässig gepriesen. Beide erwiesen sich als langlebiger als ihre Schöpfer erwartet hatten. Und beide hinterlassen Institutionen mit einem strukturellen Problem, das sich nicht durch kurzfristige Investitionen lösen lässt.
Fachkräftemangel verschärft die Lage
Was die Situation zusätzlich verkompliziert: Die Zahl der COBOL-Entwickler schrumpft stetig. Das Durchschnittsalter erfahrener COBOL-Programmierer liegt Schätzungen zufolge über 50 Jahre. Nachwuchs ist kaum vorhanden – Informatik-Studierende lernen heutzutage Python, Rust oder JavaScript, nicht COBOL.
Einige Großbanken und Behörden reagieren mit internen Schulungsprogrammen oder Kooperationen mit Universitäten, doch die Nachfrage übersteigt das Angebot deutlich. Hinzu kommt: Wer heute COBOL-Expertise anbietet, kann entsprechende Tagessätze verlangen. Der Fachkräftemangel treibt die Wartungskosten in die Höhe, ohne dass das System selbst modernisiert wird.
Migration: Zwischen Wunsch und Wirklichkeit
Viele Unternehmen haben Modernisierungsprojekte gestartet – und viele davon sind gescheitert oder erheblich teurer geworden als geplant.
Das bekannteste Beispiel ist die TSB Bank in Großbritannien: Eine missglückte IT-Migration im Jahr 2018 kostete das Institut über 300 Millionen Pfund und beschädigte das Kundenvertrauen nachhaltig.
Neuere Ansätze setzen auf schrittweise Modernisierung statt auf den großen Schnitt: APIs kapseln die COBOL-Systeme ab, moderne Frontends kommunizieren mit dem Mainframe im Hintergrund. Auch Large Language Models werden inzwischen eingesetzt, um COBOL-Code zu analysieren, zu dokumentieren und in moderne Sprachen zu übersetzen – mit gemischten Ergebnissen und erheblichem Prüfaufwand.
Einordnung für deutsche Unternehmen
Für Finanzinstitute, Versicherungen und Behörden in Deutschland ist die Situation vertraut. Die Deutsche Rentenversicherung, zahlreiche Sparkassen und Landesbanken betreiben COBOL-basierte Kernsysteme, deren Ablösung auf der strategischen Agenda steht – oft seit Jahren.
Die eigentliche Herausforderung ist dabei weniger technischer als organisatorischer Natur: Modernisierung erfordert Budget, Risikobereitschaft und spezialisiertes Personal gleichzeitig.
Der richtige Zeitpunkt für eine strukturierte Migrationsstrategie war gestern – der zweitbeste ist heute.
Wer die Entscheidung weiter aufschiebt, erhöht langfristig Abhängigkeit, Kosten und Ausfallrisiko gleichermaßen.
Quelle: Wired – „COBOL Is the Asbestos of Programming Languages”
