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Dual-Pricing bei KI-Startups: Wie Bewertungspraktiken Investoren täuschen können
Der öffentliche Vorwurf von Mercor-CEO Brendan Foody gegen Sequoia Capital wirft ein Schlaglicht auf eine brancheninterne Praxis, die das Vertrauen in VC-Bewertungen untergräbt. Das Konzept des “Dual-Pricing” – unterschiedliche Bewertungen für verschiedene Investorengruppen in derselben Finanzierungsrunde – stellt eine systemische Herausforderung für das KI-Investment-Ökosystem dar. Für deutschsprachige Tech-Entscheider und Investoren ergeben sich daraus unmittelbare Konsequenzen bei der Due Diligence.
Mechanismus und Vorgehensweise
Beim Dual-Pricing erhalten etablierte oder strategisch wichtige Investoren Anteile zu einem niedrigeren Preis pro Aktie als andere Teilnehmer derselben Runde. Die Differenzen werden typischerweise durch unterschiedliche Wertpapierklassen, verbesserte Liquidationspräferenzen oder versteckte Nebenabreden verschleiert. Foody wirft Sequoia vor, genau diese Praxis bei KI-Investitionen systematisch anzuwenden, um bei heißen Deals dennoch attraktive Einstiegspreise zu sichern (TechCrunch).
Die Tragweite dieser Praxis lässt sich an der aktuellen KI-Investitionsdynamik ablesen. In einem Markt, in dem Fonds um Zugang zu vielversprechenden KI-Startups konkurrieren, entsteht ein strukturelles Ungleichgewicht: Große Namen wie Sequoia nutzen ihre Reputation und Netzwerkstärke, um bevorzugte Konditionen auszuhandeln, während kleinere oder später einsteigende Investoren höhere Bewertungen akzeptieren müssen. Die offizielle Post-Money-Bewertung einer Runde spiegelt dann nicht mehr den tatsächlichen durchschnittlichen Einstiegspreis wider.
Risiken für das Investoren-Ökosystem
Die Folgen reichen über einzelne Transaktionen hinaus. Für Limited Partners in VC-Fonds – darunter zahlreiche institutionelle Investoren aus dem DACH-Raum – entsteht eine fundamentale Informationsasymmetrie. Die gemeldeten IRRs und TVPI-Multiples basieren auf Bewertungen, die möglicherweise nicht den tatsächlichen Marktpreisen entsprechen. Dies verzerrt die Kapitalallokation im gesamten Sektor.
Besonders problematisch ist die Auswirkung auf nachgelagerte Finanzierungsrunden. Wenn frühe Runden mit Dual-Pricing strukturiert wurden, bauen spätere Bewertungen auf einer potenziell künstlich aufgeblähten Basis auf. Down-Rounds werden wahrscheinlicher, was wiederum Anti-Dilution-Schutzmechanismen aktiviert und Kaskadeneffekte auslösen kann. KI-Startups mit ihren typischen hohen Cash-Burn-Raten und langen Wegen zur Profitabilität sind hierfür besonders anfällig.
Handlungsfelder für europäische Investoren
Die Konfrontation zwischen Foody und Sequoia markiert einen Wendepunkt: Was lange als branchenübliche, wenn auch undurchsichtige Praxis galt, wird nun öffentlich diskutiert. Für europäische Investoren, die zunehmend in globale KI-Fonds investieren oder direkte Co-Investments tätigen, ergeben sich mehrere Handlungsfelder.
Die Due Diligence muss über die Prüfung von Cap Tables hinausgehen. Vertragsstrukturen sind auf verborgene Klassenunterschiede und side letters zu analysieren. Bei Fondsinvestments sollten LPs explizit nach der Transparenzpolitik des Managers bezüglich Bewertungsmethoden fragen. Die Institutional Limited Partners Association (ILPA) hat hierzu bereits Standards entwickelt, die jedoch noch nicht flächendeckend implementiert sind.
Für deutsche und österreichische Family Offices sowie Corporate Venture-Arme bedeutet dies zudem eine Neubewertung der eigenen Verhandlungsposition. Ohne den Zugang zu Insider-Netzwerken der Silicon-Valley-Elite droht ein systematischer Nachteil bei der Preisfindung. Strategische Allianzen und der Aufbau eigener Due-Diligence-Kapazitäten vor Ort werden zur Notwendigkeit.
Die regulatorische Dimension bleibt ambivalent. Während die SEC in den USA zunehmend auf Transparenz bei Privatmarkt-Bewertungen drängt, fehlt in der EU ein spezifischer Regulierungsrahmen für VC-Strukturen dieser Art. Die Anwendung allgemeiner Kapitalmarkt- und Anlegerschutzvorschriften auf komplexe VC-Vertragsgestaltungen bleibt ungewiss.
Für das KI-Investment-Ökosystem steht eine Normalisierung der Bewertungspraktiken auf dem Prüfstand. Die öffentliche Debatte um Dual-Pricing könnte als Katalysor dienen, um Standards zu etablieren, die das Vertrauen in einen Sektor wiederherstellen, der für seine Innovationskraft bekannt ist – nicht jedoch für seine Preistransparenz.