Die Generation Z ist die erste, die KI-Tools als selbstverständlichen Teil des Arbeitsalltags erlebt – und gleichzeitig die erste, die offen zweifelt, was dieser Alltag mit ihr macht. Eine neue Gallup-Auswertung liefert dazu beunruhigende Zahlen.
Gen Z nutzt KI täglich – und zweifelt zunehmend an den Folgen für die eigene Denkleistung
Mehr Nutzung, weniger Enthusiasmus
Laut einer Auswertung von Gallup ist die KI-Nutzung unter der Generation Z zuletzt weiter gestiegen – und doch ist der Anteil derjenigen, die der Technologie gegenüber positiv gestimmt sind, deutlich zurückgegangen. Auch das Gefühl von „Hoffnung” im Zusammenhang mit KI hat in dieser Altersgruppe spürbar abgenommen.
Das Muster ähnelt dem, was Suchtforscher als ambivalentes Nutzungsverhalten beschreiben: Weitermachen, obwohl man die negativen Effekte bereits wahrnimmt.
Konkret äußern viele Befragte die Sorge, durch den intensiven Einsatz von Large Language Models und ähnlichen Werkzeugen schlechter eigenständig denken zu können – also Fähigkeiten wie kritisches Urteilen, strukturiertes Argumentieren oder kreatives Problemlösen zu verlernen. Der Begriff „Brain Rot” – im angelsächsischen Diskurs für geistigen Verfall durch exzessive Mediennutzung etabliert – taucht in diesem Kontext zunehmend auf.
Abhängigkeit als strukturelles Problem
Was auf den ersten Blick wie ein persönliches Befinden wirkt, hat für Unternehmen eine handfeste strategische Dimension. Gen Z stellt bereits heute einen erheblichen Teil der Einsteiger- und Nachwuchspositionen in vielen Branchen. Wenn diese Gruppe zwar produktiv mit KI-Assistenz arbeitet, dabei aber grundlegende analytische Kompetenzen weniger trainiert, entstehen mittelfristig Kompetenzlücken – gerade dort, wo komplexe Urteile ohne Systemunterstützung gefragt sind.
Hinzu kommt: Die Umfragedaten deuten darauf hin, dass die Generation trotz ihrer Bedenken nicht weniger nutzt. Das deutet weniger auf freie Entscheidung hin als auf eine strukturelle Abhängigkeit, die sich aus dem Arbeitsumfeld, dem sozialen Umfeld und der schieren Verfügbarkeit der Tools ergibt.
Vertrauen und Kontrolle als HR-Aufgabe
Für HR-Verantwortliche und People-Operations-Teams ergeben sich daraus mehrere Handlungsfelder:
1. Kompetenzaufbau vor Tool-Nutzung
Bei der Gestaltung von Onboarding- und Weiterbildungsprogrammen sollte gezielt darauf geachtet werden, dass KI-Tools nicht als Ersatz für Kompetenzaufbau eingesetzt werden, sondern als Ergänzung. Die Unterscheidung zwischen „KI als Verstärker vorhandener Fähigkeiten” und „KI als Lückenbüßer fehlender Fähigkeiten” ist dabei entscheidend.
2. Psychologische Sicherheit ernst nehmen
Wenn Mitarbeitende selbst Bedenken gegenüber ihrer KI-Nutzung äußern, sollten Unternehmen diese Signale nicht als Leistungsproblem behandeln – sondern als Hinweis auf einen Bedarf an strukturierter Reflexion im Arbeitsalltag.
3. Räume für unassistiertes Denken erhalten
Es reicht nicht, Mitarbeitende im Umgang mit Tools zu schulen. Notwendig ist auch, Situationen zu schaffen, in denen Problemlösung bewusst ohne KI-Unterstützung stattfindet – als gezielte Übung, nicht als Einschränkung.
Einordnung für deutsche Unternehmen
Für deutsche Unternehmen, die gerade KI-Nutzung in Workflows integrieren oder entsprechende Richtlinien entwickeln, liefern diese Daten ein wichtiges Korrektiv.
Die Annahme, dass Gen-Z-Mitarbeitende als „Digital Natives” automatisch einen souveränen Umgang mit KI mitbringen, greift zu kurz.
Gefragt ist ein differenziertes Kompetenzmodell, das Nutzungskompetenz, kritische Reflexionsfähigkeit und kognitive Eigenständigkeit gleichwertig behandelt – und das in Talententwicklung wie Leistungsbeurteilung entsprechend abgebildet wird.
Quelle: Decrypt AI