Grammarly wollte KI-Schreiben mit echten Experten-Gesichtern aufwerten – und übersah dabei elementare Grundsätze des Persönlichkeitsrechts. Der Fall offenbart, wie schnell KI-Produktentscheidungen in rechtliche und ethische Fallstricke tappen können.
Grammarly und die unerlaubten KI-Experten: Ein Lehrstück über digitale Identität
Der Schreibassistent Grammarly hat mit einem KI-Feature für erheblichen Unmut gesorgt: Das Unternehmen nutzte Namen und Erscheinungsbilder echter Autoren, Journalisten und Wissenschaftler für eine sogenannte „Expert Review”-Funktion – ohne deren Einwilligung. Der Vorfall zeigt exemplarisch, welche Risiken entstehen, wenn KI-Produktentscheidungen rechtliche und ethische Grenzen übersehen.
Vom Grammatik-Tool zur KI-Plattform
Grammarly war lange Zeit vor allem als Browser-Erweiterung bekannt, die Formulierungsvorschläge für E-Mails und Texte liefert. In den vergangenen Jahren verfolgte das Unternehmen jedoch deutlich größere Ambitionen. Im Oktober 2025 vollzog Grammarly einen öffentlichkeitswirksamen Strategieschwenk: Das Unternehmen benannte sich in „Superhuman” um – ein Name, der von der zuvor akquirierten KI-E-Mail-Plattform Superhuman Mail übernommen wurde. Trotz des Rebrands sollte die Grammarly-Marke erhalten bleiben, die Schreibassistenz jedoch zunehmend als Plattform für KI-Agenten funktionieren.
Die „Expert Review”-Funktion und ihre Folgen
Bereits wenige Monate vor der Umbenennung, im August 2025, führte Grammarly ein Feature namens „Expert Review” ein. Die Idee dahinter: Nutzern sollte es ermöglicht werden, ihre Texte von vermeintlichen Fachleuten bewerten zu lassen – darunter erkennbar benannte Personen aus Journalismus und Wissenschaft.
Das Problem: Die betreffenden Personen hatten dieser Verwendung ihrer Namen und Identitäten niemals zugestimmt.
Zu den Betroffenen gehörten offenbar auch Redaktionsmitglieder von The Verge, die den Fall öffentlich machten. Die Nutzung realer Identitäten ohne Erlaubnis für ein kommerzielles KI-Produkt löste scharfe Kritik aus – sowohl aus rechtlicher als auch aus ethischer Perspektive. Grammarly sah sich gezwungen, die Funktion zurückzuziehen und Stellungnahmen abzugeben.
Strukturelles Problem statt Einzelfall
Der Vorfall ist kein isolierter Ausrutscher, sondern verweist auf ein strukturelles Problem in der KI-Produktentwicklung: Funktionen werden mitunter entwickelt und ausgerollt, ohne dass ausreichend geprüft wird, ob sie Persönlichkeitsrechte oder Einwilligungserfordernisse verletzen.
Gerade bei Features, die reale Personen simulieren oder deren Autorität für Marketingzwecke nutzen, sind die rechtlichen Anforderungen besonders streng – insbesondere unter der DSGVO und dem deutschen Persönlichkeitsrecht.
Hinzu kommt ein erhebliches Reputationsrisiko: Wer als KI-Unternehmen Vertrauen aufbauen will, kann sich kaum leisten, dass Nutzer oder Dritte das Gefühl bekommen, ihre Identität werde ohne Kontrolle kommerziell eingesetzt.
Strategische Neuausrichtung unter Druck
Die Umbenennung in Superhuman steht symptomatisch für einen breiteren Trend: Schreibtools positionieren sich als vollwertige KI-Agenten-Plattformen, um im Wettbewerb mit Microsoft Copilot, Google Gemini und spezialisierten Alternativen zu bestehen. Der Umbau ist strategisch nachvollziehbar, birgt aber Risiken, wenn Produktentscheidungen der Kommunikations- und Compliance-Arbeit vorauseilen.
Empfehlungen für IT-Entscheider
Für deutsche Unternehmen und IT-Entscheider, die KI-Schreibwerkzeuge evaluieren oder bereits einsetzen, liefert der Fall konkrete Orientierung:
- Datentransparenz prüfen: Welche Daten werden verarbeitet, und werden Drittinhalte oder Identitäten im Hintergrund genutzt?
- Einwilligungskonzepte hinterfragen: Wie stellt der Anbieter sicher, dass Persönlichkeitsrechte gewahrt bleiben?
- Krisenverhalten bewerten: Die Reaktionsgeschwindigkeit und Transparenz eines Unternehmens im Krisenfall sagt dabei oft mehr über seine Verlässlichkeit als jede Produktbroschüre.
Ein Anbieter, der im Krisenfall schnell, ehrlich und verantwortungsvoll kommuniziert, verdient mehr Vertrauen als einer, der glänzende Features verspricht, aber beim ersten Compliance-Test scheitert.
