Der Ukraine-Krieg hat eine strategische Leerstelle sichtbar gemacht: Moderne Streitkräfte sind tief abhängig von kommerzieller Satellitenkommunikation – kontrolliert von privaten Unternehmen mit eigenen Interessen. Die Antwort mehrerer Staaten und Bündnisse: eigene Konstellationen im niedrigen Erdorbit. Ein Wettlauf, der die digitale Geopolitik der nächsten Dekade prägen wird.
Militärs weltweit investieren in eigene Satellitennetze – Abhängigkeit von privaten Anbietern soll reduziert werden
Starlink als Blaupause – und als Warnung
Das Starlink-Netzwerk von SpaceX hat im Ukraine-Konflikt eindrucksvoll gezeigt, welchen taktischen Vorteil breitbandige Satellitenkommunikation im Gefechtsfeld bietet. Gleichzeitig offenbarte der Einsatz strukturelle Risiken:
Ein privates Unternehmen kontrolliert die Zugangsparameter, entscheidet über Verfügbarkeit in bestimmten Regionen und kann Dienste einschränken – wie SpaceX-Gründer Elon Musk in mehreren Fällen demonstrierte.
Für Streitkräfte ist diese Abhängigkeit strategisch inakzeptabel.
Die Konsequenz: Länder wie das Vereinigte Königreich, Frankreich und mehrere NATO-Partner arbeiten an eigenen militärischen Low-Earth-Orbit-Projekten (LEO). Auch die EU treibt mit dem IRIS²-Programm eine europäische Satellitenkonstellation voran, die sowohl zivile als auch sicherheitsrelevante Kommunikationsbedarfe abdecken soll. Erste Satelliten sind für Mitte der 2020er-Jahre geplant.
Technische und geopolitische Dimension
LEO-Konstellationen bieten gegenüber klassischen geostationären Satelliten entscheidende Vorteile:
- Niedrigere Latenz für zeitkritische Kommunikation
- Höhere Datenraten für bandbreitenintensive Anwendungen
- Geringere Anfälligkeit für Störsignale und gezielte Jamming-Angriffe
Gleichzeitig erfordern sie den Betrieb von Hunderten bis Tausenden von Satelliten – verbunden mit erheblichen Investitionen in Startkapazitäten, Bodensegmente und Verschlüsselungsinfrastruktur.
China und Russland verfolgen parallel eigene Ambitionen. Peking baut mit dem Qianfan-Projekt eine nationale LEO-Konstellation auf, die explizit als Alternative zu westlich kontrollierten Netzen positioniert wird.
Im Orbit zeichnet sich damit eine ähnliche Fragmentierung ab, wie sie im Bereich Software-Plattformen und Cloud-Infrastruktur bereits beobachtet wird.
Souveränität als strategisches Konzept
Der Aufbau eigener Satellitennetze ist Teil eines breiteren Musters: Staaten versuchen zunehmend, kritische digitale Infrastrukturen unter nationale oder zumindest allianzbasierte Kontrolle zu bringen. Das betrifft neben der Satellitenkommunikation auch:
- Glasfaserverbindungen auf Ozeankabelniveau
- Cloud-Dienste für Behörden und Sicherheitsbehörden
- Die strategische Versorgung mit Halbleitern
Für Europa ist die Frage nach eigener Weltrauminfrastruktur dabei eng verknüpft mit industriepolitischen Zielen. Die Vergabe von IRIS²-Aufträgen an europäische Unternehmen wie Airbus, Thales und SES soll nicht nur Versorgungssicherheit schaffen, sondern auch die heimische Raumfahrtindustrie strukturell stärken.
Einordnung für deutsche Unternehmen
Für deutsche Unternehmen – insbesondere in sicherheitsrelevanten Branchen oder mit Behördenverträgen – ergeben sich konkrete Implikationen:
Wer heute Kommunikationsinfrastruktur plant, sollte die Frage nach Betreiberkontrolle und regulatorischer Einbettung explizit in die Beschaffungsentscheidung einbeziehen.
Die Nutzung kommerzieller LEO-Dienste bleibt in vielen Fällen wirtschaftlich sinnvoll. Doch die Risikoverteilung zwischen privaten Anbietern und souveränen Alternativen wird in den nächsten Jahren neu ausgehandelt. Das IRIS²-Programm dürfte dabei zunehmend auch für privatwirtschaftliche Nutzer relevant werden, sobald kommerzielle Kapazitäten verfügbar sind.
Quelle: New Scientist Tech – Why the world’s militaries are scrambling to create their own Starlink