Zwei KI-Giganten, zwei Börsengangsambitionen – doch wer die Zahlen von OpenAI und Anthropic direkt vergleicht, sitzt einem Buchführungsphänomen auf. Unterschiedliche Methoden der Umsatzerfassung machen einen fairen Vergleich nahezu unmöglich und stellen Investoren vor erhebliche Herausforderungen.
OpenAI und Anthropic auf dem Weg an die Börse – ein Vergleich, der trügt
Beide Unternehmen wachsen mit hohem Tempo, doch ihre Finanzzahlen lassen sich kaum direkt gegenüberstellen. Der Grund liegt nicht in der Geschäftsentwicklung selbst, sondern in unterschiedlichen Methoden der Umsatzerfassung – ein Detail, das für künftige Investoren erhebliche Bedeutung hat.
Starkes Wachstum, ungleiche Maßstäbe
OpenAI und Anthropic gelten als die beiden dominierenden Anbieter im Segment der Large Language Models für Unternehmenskunden. Beide streben mittelfristig einen Börsengang an, und beide weisen auf dem Papier beeindruckende Umsatzsteigerungen aus. Doch der direkte Vergleich dieser Zahlen führt in die Irre.
Der Kern des Problems liegt in den Cloud-Partnerschaften: OpenAI arbeitet eng mit Microsoft zusammen, Anthropic ist tief in die AWS-Infrastruktur von Amazon eingebunden. Je nachdem, ob ein Unternehmen die über solche Partnerschaften generierten Einnahmen als Brutto- oder Nettoumsatz verbucht, entstehen erhebliche Unterschiede in den ausgewiesenen Zahlen – ohne dass dies zwingend die tatsächliche wirtschaftliche Leistung widerspiegelt.
Unterschiedliche Buchungsmethoden verzerren das Bild
Konkret geht es um die Frage, ob Umsätze, die technisch über die Infrastruktur eines Partners abgewickelt werden, vollständig in der eigenen Bilanz erscheinen oder nur der verbleibende Nettobetrag nach Abzug der Plattformkosten. Diese Entscheidung ist buchhalterisch legitim, hat aber weitreichende Auswirkungen auf Kennzahlen wie Umsatzwachstum, Bewertungsmultiplikatoren und den Vergleich mit Wettbewerbern.
Oberflächliche Umsatzvergleiche zwischen OpenAI und Anthropic sind wenig aussagekräftig – erst eine genaue Analyse der zugrunde liegenden Buchungsmethodik erlaubt eine fundierte Einschätzung.
Für Investoren, die beide Unternehmen im Rahmen eines möglichen Börsengangs bewerten wollen, bedeutet das: Wer sich auf Headline-Zahlen verlässt, riskiert Fehleinschätzungen mit erheblichen Konsequenzen.
Bewertungen unter Druck
Beide Unternehmen wurden zuletzt mit Bewertungen im dreistelligen Milliardenbereich gehandelt. OpenAI soll nach der jüngsten Finanzierungsrunde bei rund 300 Milliarden US-Dollar liegen, Anthropic bei etwa 60 Milliarden. Diese Zahlen beruhen auf privatem Kapital und spiegeln Erwartungen an künftiges Wachstum wider – nicht zwingend die aktuelle Ertragskraft.
Erschwerend kommt hinzu, dass beide Unternehmen trotz hoher Umsätze weiterhin substanzielle Verluste schreiben. Die Kosten für Modelltraining, Rechenkapazitäten und den laufenden Betrieb der Infrastruktur bleiben enorm.
Ein profitables Geschäftsmodell im klassischen Sinne haben weder OpenAI noch Anthropic bislang vorgelegt.
Strukturelle Abhängigkeiten als Risikofaktor
Ein weiterer Aspekt, der bei einem Börsengang unter Beobachtung stehen dürfte: die strukturelle Abhängigkeit von den jeweiligen Cloud-Partnern. Microsoft und Amazon sind nicht nur Investoren, sondern auch zentrale Vertriebskanäle. Diese Doppelrolle könnte von Kapitalmarktanalysten als Interessenkonflikt bewertet werden und die Unabhängigkeit der Unternehmen in Frage stellen.
Einordnung für deutsche Unternehmen
Für deutsche Unternehmen, die KI-Dienste von OpenAI oder Anthropic nutzen oder evaluieren, liefert die Börsengangsdiskussion einen wichtigen Kontext: Die Finanzlage beider Anbieter bleibt volatil, die Abhängigkeit von Großinvestoren hoch. Wer langfristige Lieferantenbeziehungen plant oder Budgets an bestimmte Plattformen bindet, sollte die wirtschaftliche Stabilität seiner KI-Partner als ernsthaftes Kriterium in die Anbieterauswahl einbeziehen.
Quelle: The Decoder
