Ausgerechnet der KI-Boom, der Samsungs Halbleitersparte beflügelt, könnte das Herzstück des Konzerns – das Smartphone-Geschäft – erstmals in die Verlustzone treiben. Ein Paradox mit weitreichenden Folgen für die gesamte Tech-Branche.
Samsung droht erstmals Verlust im Smartphone-Geschäft – KI-Boom belastet Kernsparte
Samsung Electronics könnte erstmals in der Unternehmensgeschichte einen Jahresverlust im Smartphone-Segment verbuchen. Interne Sorgen unter Führungskräften des südkoreanischen Konzerns deuten darauf hin, dass die Kombination aus steigendem Kostendruck und verschärftem Wettbewerb die Margen im Kerngeschäft aufzureiben droht.
KI-getriebene Speicherknappheit als Kostentreiber
Paradoxerweise ist einer der Hauptauslöser ausgerechnet der KI-Boom, von dem Samsung in anderen Bereichen erheblich profitiert. Die stark gestiegene Nachfrage nach High-Bandwidth-Memory-Chips (HBM) für KI-Beschleuniger hat die Produktionskapazitäten des Konzerns umgelenkt. Speicher, der früher für Smartphones zur Verfügung stand, wird nun vorrangig für lukrativere Rechenzentren-Aufträge eingesetzt – und treibt so die internen Beschaffungskosten für die Smartphone-Sparte in die Höhe.
Samsung produziert seine Halbleiter zu einem erheblichen Teil konzernintern – ein Modell, das in Boomphasen des Chip-Markts zum Nachteil werden kann, wenn interne Verrechnungspreise steigen und externe Wettbewerber günstigere Komponenten einkaufen können.
Marktdruck von zwei Seiten
Gleichzeitig gerät Samsung im Smartphone-Markt zwischen zwei Fronten:
- Premium-Segment: Apple setzt mit dem iPhone weiterhin den Maßstab und verteidigt seine Marktposition konsequent.
- Mittelklasse-Segment: Chinesische Hersteller wie Xiaomi, Oppo und insbesondere Huawei gewinnen aggressiv Marktanteile – letzterer mit eigenentwickelten Prozessoren, die nach einer Phase der Schwäche durch US-Sanktionen zurückgekehrt sind.
Die strukturellen Belastungen verschärfen die Lage zusätzlich: Entwicklungskosten für neue KI-Funktionen auf dem Gerät steigen, während die Zahlungsbereitschaft der Konsumenten für Upgrades moderat bleibt.
Strategische Schieflage im Konzern
Für Samsung als Ganzes zeichnet sich damit eine ungewöhnliche Konstellation ab: Das Halbleiter-Geschäft profitiert von der KI-Nachfrage – schwächt dabei aber indirekt das Smartphone-Segment.
Ein Verlust im Smartphone-Bereich würde nicht nur die Konzernbilanz belasten, sondern auch das strategische Gewicht einer Sparte mindern, die über Jahrzehnte als Flaggschiff der Marke Samsung galt.
Hinzu kommt, dass die Memory-Sparte im Wettbewerb um HBM-Chips gegenüber dem Konkurrenten SK Hynix aufzuholen kämpft – dieser gilt technologisch derzeit als führend und hält Großaufträge von Nvidia. Der Konzern hatte das Smartphone-Geschäft zuletzt durch KI-Funktionen wie den Galaxy AI Assistant aufzuwerten versucht. Ob das ausreicht, um die Kostenseite zu kompensieren, bleibt offen.
Einordnung für deutsche Unternehmen
Die Entwicklung bei Samsung illustriert ein strukturelles Risiko, das auch für andere Technologiekonzerne relevant ist:
Wenn KI-Investitionen intern Ressourcen umverteilen und dabei etablierte Kerngeschäfte unter Druck setzen, entstehen neue strategische Zielkonflikte.
Für deutsche Unternehmen, die in der Lieferkette von Samsung oder im Smartphone-Markt aktiv sind – etwa als Zulieferer von Komponenten, Software oder B2B-Lösungen –, lohnt es sich, die Quartalsergebnisse des Konzerns in den kommenden Monaten genau zu verfolgen. Eine dauerhafte Schwäche im Samsung-Smartphone-Geschäft könnte Beschaffungsstrategien, Partnerschaftsmodelle und Marktpositionierungen im europäischen Android-Ökosystem merklich verschieben.
Quelle: Ars Technica – Samsung may be bracing for first-ever annual loss in smartphone business