Wer ein KI-Tool für Musik nutzt, vertraut oft blind auf dessen Schutzmechanismen – doch im Fall von Suno zeigt sich: Vertrauen allein reicht nicht. Die Plattform steht unter wachsendem juristischen Druck, nachdem Recherchen belegen, dass ihre Copyright-Filter mit minimalem Aufwand ausgehebelt werden können.
Suno im Kreuzfeuer: KI-Musikplattform ermöglicht urheberrechtlich bedenkliche Cover-Produktion
Filter vorhanden, aber leicht zu überlisten
Suno verbietet in seinen Nutzungsbedingungen ausdrücklich die Verwendung urheberrechtlich geschützten Materials. Die Plattform setzt eigenen Angaben zufolge auf automatisierte Erkennungssysteme, die entsprechende Eingaben blockieren sollen. In der Praxis erweisen sich diese Schutzmechanismen jedoch als wenig belastbar: Mit handelsüblicher, kostenloser Software und minimalem technischen Aufwand lassen sich die Filter umgehen.
Konkret betroffen sind bekannte Tracks wie Beyoncés „Freedom”, Black Sabbaths „Paranoid” oder Aquas „Barbie Girl”. Die generierten Imitationen sollen dem Original laut Bericht der US-Technologiepublikation The Verge in Teilen so nahekommen, dass sie bei oberflächlichem Hören als alternative Versionen oder unveröffentlichte Aufnahmen durchgehen könnten. Eine Stellungnahme gegenüber Medien lehnte Suno ab.
Kommerzielle Verwertung über Streaming-Plattformen möglich
Besonders brisant: Die Funktionalität, die diesen Umgehungsweg eröffnet, ist kein Gratisangebot, sondern Teil des kostenpflichtigen „Premier Plan” für 24 US-Dollar pro Monat. Das enthaltene Feature „Suno Studio” erlaubt das Hochladen eigener Tracks zur Bearbeitung oder als Vorlage für Neuinterpretationen. Zwar erkennt das System bekannte Hits mitunter direkt beim Upload – doch durch einfache Vorverarbeitungsschritte lässt sich diese Hürde offenbar zuverlässig überwinden.
Die so erzeugten Audiodateien lassen sich exportieren und auf Streaming-Plattformen wie Spotify oder Apple Music hochladen – theoretisch auch mit kommerzieller Ausrichtung.
Damit würden Dritte von urheberrechtlich geschütztem Material profitieren, ohne Lizenzen zu erwerben oder Rechteinhaber zu vergüten.
Rechtslage bleibt komplex – auch in der EU
Aus juristischer Perspektive bewegt sich dieser Bereich in einer weitgehend ungeklärten Zone. In den USA laufen bereits mehrere Klagen der Musikindustrie gegen KI-Musikdienste, darunter eine breit angelegte Klage großer Labels gegen Suno und den Konkurrenten Udio aus dem Jahr 2024. Die zentrale Frage – ob das Training von KI-Modellen auf urheberrechtlich geschütztem Material als Fair Use gilt – ist noch nicht höchstrichterlich entschieden.
In der Europäischen Union schafft der AI Act zwar einen regulatorischen Rahmen, doch konkrete Regelungen zur urheberrechtlichen Haftung bei KI-generierten Inhalten stehen vielerorts noch aus. Das Text-and-Data-Mining-Ausnahmerecht der EU-Urheberrechtsrichtlinie erlaubt unter bestimmten Bedingungen die Nutzung geschützter Werke für KI-Training – jedoch nicht grenzenlos, und die Auslegung ist umstritten.
Einordnung für deutsche Unternehmen
Für Unternehmen, die KI-gestützte Musikgenerierung in Marketing, Produktentwicklung oder Content-Produktion einsetzen wollen, ergibt sich daraus ein klares Risikobild:
Die vertraglichen Nutzungsbedingungen eines Tools schützen nicht automatisch vor rechtlicher Haftung, wenn die technischen Schutzmechanismen versagen oder umgehbar sind.
Wer KI-generierte Musik kommerziell verwendet, sollte die Herkunft der Trainingsdaten des eingesetzten Systems kennen und im Zweifelsfall Rechtsberatung einholen. Die laufenden US-Klagen werden voraussichtlich Präzedenzfälle schaffen, die auch auf europäische Rechtsprechung ausstrahlen dürften.
Quelle: The Verge AI
