Millionen Minderjährige nutzen TikTok täglich – doch trotz strenger EU-Regeln gelangen versteckte Werbebotschaften ungefiltert zu ihnen. Nicht gekennzeichneter Branded Content umgeht systematisch die Schutzvorschriften des Digital Services Act und der DSGVO.
TikTok: Nicht gekennzeichnete Werbung umgeht EU-Schutzregeln für Minderjährige
Auf TikTok werden Minderjährige offenbar trotz bestehender Verbote gezielt mit Werbeinhalten konfrontiert – ohne dass diese als solche gekennzeichnet sind. Das wirft ernsthafte Fragen zur Wirksamkeit der europäischen Datenschutz- und Plattformregulierung auf.
Werbung ohne Kennzeichnung – und ohne Einwilligung
Wie der New Scientist berichtet, kursieren auf TikTok Werbeformate, die nicht als Anzeigen ausgewiesen sind und damit de facto das Profiling-Verbot für Nutzer unter 18 Jahren umgehen. Die EU schreibt im Rahmen des Digital Services Act (DSA) sowie der Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) vor, dass Minderjährige nicht auf Basis ihres Nutzungsverhaltens mit zielgerichteter Werbung angesprochen werden dürfen.
Nicht deklarierte Werbeinhalte entziehen sich dieser Kontrolle strukturell – sowohl der Aufsichtsbehörden als auch der Nutzer selbst.
Mechanismus der Umgehung
Das grundlegende Problem liegt in der Unterscheidung zwischen offiziellem Paid Advertising und sogenanntem organischen Branded Content, der von Creators im Auftrag von Unternehmen veröffentlicht wird. Während klassische Anzeigen über TikToks Ad-Manager laufen und damit den Altersfiltern unterliegen, können Influencer-Kooperationen oder gesponserte Posts diese technischen Schranken umgehen – insbesondere dann, wenn die kommerzielle Natur des Inhalts nicht eindeutig offengelegt wird.
Für Minderjährige, die auf der Plattform aktiv sind, ist der Unterschied zwischen redaktionellem und werblichem Inhalt so kaum erkennbar.
Regulatorischer Druck wächst
TikTok steht in der Europäischen Union bereits unter erhöhter Beobachtung. Die EU-Kommission hat im Rahmen des DSA mehrere Untersuchungen gegen die Plattform eingeleitet, darunter auch zum Schutz Minderjähriger. Irland, wo TikToks europäische Hauptniederlassung sitzt, ist als federführende Datenschutzbehörde für Verstöße gegen die DSGVO zuständig.
Bisherige Verfahren haben gezeigt, dass Ermittlungen und Sanktionen oft Jahre in Anspruch nehmen – Zeit, in der entsprechende Praktiken ungehindert fortgesetzt werden können.
Die zuständigen Behörden stehen vor einem strukturellen Vollzugsproblem: Plattforminterne Mechanismen lassen sich von außen schwer überprüfen, und die Verantwortung für die Kennzeichnung liegt formal oft bei den Content-Creators, nicht bei TikTok selbst. Kritiker fordern deshalb eine stärkere technische Nachweispflicht auf Plattformebene.
Konsequenzen für werbetreibende Unternehmen
Für Unternehmen, die TikTok als Marketingkanal nutzen, ergibt sich daraus eine konkrete Compliance-Relevanz. Wer Influencer-Kooperationen einsetzt oder Branded Content auf der Plattform platziert, ist nach deutschem und europäischem Recht eigenständig verpflichtet, auf die korrekte Kennzeichnung zu achten – unabhängig von den Plattformregeln. Telemediengesetz, UWG sowie DSGVO bilden hier ein Regelwerk, das Unternehmen im Zweifel haftbar macht, auch wenn die technische Umsetzung beim Creator liegt.
Für Compliance-Verantwortliche in deutschen Unternehmen bedeutet das konkret:
- Influencer-Verträge sollten Kennzeichnungspflichten explizit regeln
- Interne Freigabeprozesse für Social-Media-Kampagnen müssen Altersgruppen-Reichweiten berücksichtigen
- Die regulatorische Aufmerksamkeit für nicht deklarierte Werbung auf Plattformen mit hohem Minderjährigen-Anteil dürfte in den kommenden Monaten weiter steigen
Quelle: New Scientist Tech – Undisclosed ads on TikTok skirt ban on profiling minors
