Trotz strenger EU-Regulierung kursieren auf TikTok offenbar Werbeformate, die Minderjährige gezielt ansprechen – ohne als Werbung gekennzeichnet zu sein. Der Befund stellt nicht nur die Plattform, sondern das gesamte europäische Regulierungsmodell vor grundlegende Fragen.
TikTok umgeht EU-Werbeverbote für Minderjährige durch nicht gekennzeichnete Anzeigen
Wie die Umgehung funktioniert
Der Digital Services Act (DSA) und die Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) untersagen Plattformen grundsätzlich, personenbezogene Daten Minderjähriger für Werbe-Targeting einzusetzen. TikTok hat entsprechende Einschränkungen offiziell implementiert – doch aktuelle Recherchen zeigen: bestimmte Werbeformate unterlaufen diese Schutzmaßnahmen faktisch.
Inhalte, die kommerziellen Zwecken dienen, werden schlicht nicht als Werbung ausgewiesen. Sie entziehen sich damit sowohl der automatisierten Erkennung als auch der manuellen Überprüfung durch Aufsichtsbehörden.
Besonders betroffen sind Formate, bei denen die Grenze zwischen organischem Creator-Content und bezahlter Platzierung bewusst verwischt wird – ein strukturelles Schlupfloch im geltenden Regulierungsrahmen.
Solche Inhalte unterliegen formal nicht denselben Kennzeichnungspflichten wie klassische Display-Werbung, erreichen aber nachweislich auch minderjährige Nutzer.
Regulierungslücken im europäischen Rahmen
Das Problem verdeutlicht eine strukturelle Schwäche der bisherigen Plattformregulierung: Rechtliche Vorgaben beziehen sich häufig auf klar definierte Werbeformate, während sich Geschäftsmodelle und Werbeformen kontinuierlich weiterentwickeln.
Die zuständigen Behörden – darunter die irische Datenschutzkommission als federführende DSGVO-Aufsicht für TikTok in der EU – stehen vor der Herausforderung, mit der technischen Entwicklung Schritt zu halten.
TikTok war bereits mehrfach Gegenstand regulatorischer Verfahren in Europa. Im Jahr 2023 verhängte die irische Datenschutzbehörde eine Strafe von 345 Millionen Euro gegen das Unternehmen wegen unzureichenden Schutzes von Kinderdaten. Der aktuelle Befund legt nahe, dass Nachbesserungen bislang nicht vollständig greifen.
Breiteres Muster bei Plattformen
TikTok steht mit diesen Problemen nicht allein. Ähnliche Befunde wurden in der Vergangenheit auch für andere große Plattformen dokumentiert.
Werbefinanzierte Geschäftsmodelle schaffen ökonomische Anreize, Zielgruppenansprache so weit wie möglich zu maximieren – auch dort, wo Regulierung eigentlich Grenzen setzt.
Technische Compliance-Maßnahmen werden dabei mitunter durch kreative Werbeformate umgangen, die formal außerhalb des regulierten Bereichs operieren.
Einordnung für deutsche Unternehmen
Für deutsche Unternehmen, die TikTok als Marketingkanal nutzen oder Influencer-Kooperationen mit nicht eindeutig volljährigen Creator-Zielgruppen betreiben, entstehen konkrete Compliance-Risiken:
- Die Bundesnetzagentur als zuständige DSA-Koordinierungsstelle in Deutschland beobachtet die Entwicklungen auf großen Plattformen zunehmend aktiv.
- Der Bundesbeauftragte für Datenschutz verfolgt entsprechende Verstöße ebenfalls mit wachsender Aufmerksamkeit.
- Im Zweifel haftet auch der werbetreibende Auftraggeber – unabhängig davon, ob die Plattform selbst entsprechende Verstöße erleichtert.
Unternehmen sollten ihre TikTok-Werbestrategien auf Kennzeichnungspflichten und Zielgruppeneinstellungen hin überprüfen. Eine verschärfte Durchsetzung durch europäische Behörden gilt angesichts des politischen Drucks als wahrscheinlich.
Quelle: New Scientist Tech
