Trotz europäischer Datenschutzgesetze gelangen offenbar kommerzielle Inhalte ungekennzeichnet zu minderjährigen TikTok-Nutzern – mit weitreichenden Konsequenzen für Plattform und Werbetreibende gleichermaßen.
TikTok umgeht EU-Schutzregeln für Minderjährige durch nicht gekennzeichnete Werbung
Trotz bestehender EU-Vorschriften zum Schutz minderjähriger Nutzer vor zielgerichteter Werbung zeigen Untersuchungen, dass auf TikTok weiterhin Anzeigen ausgespielt werden, die regulatorische Grenzen umgehen. Nicht offengelegte Werbeformate ermöglichen es Unternehmen offenbar, Minderjährige zu erreichen, ohne die vorgeschriebenen Transparenzpflichten zu erfüllen.
Verdeckte Werbung als regulatorische Grauzone
Das Kernproblem liegt in der fehlenden Kennzeichnung bestimmter Werbeformate. Während offizielle TikTok-Anzeigen als solche markiert sein müssen und damit unter das Profiling-Verbot für unter 18-Jährige fallen, kursieren auf der Plattform Inhalte, die kommerziellen Zwecken dienen, ohne explizit als Werbung ausgewiesen zu werden. Dadurch entfallen formal die Schutzmechanismen, die der europäische Regulierungsrahmen eigentlich vorsieht.
Laut dem Bericht von New Scientist betrifft dies insbesondere Inhalte, die von Creators im Auftrag von Marken erstellt werden, aber nicht die nach EU-Recht vorgeschriebene Kennzeichnung tragen. Für Plattformen gilt im europäischen Rechtsraum durch den Digital Services Act (DSA) sowie die Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) ein striktes Verbot, Minderjährigen auf Basis ihres Nutzerverhaltens oder persönlicher Merkmale zielgerichtete Werbung auszuspielen.
Solange Plattformen keine konsequenten internen Kontrollmechanismen für sämtliche Werbeformen implementieren, bleiben technische und rechtliche Umgehungsstrategien möglich – einschließlich bezahlter Influencer-Kooperationen.
Regulatorischer Druck auf TikTok wächst
TikTok steht bereits seit Längerem im Fokus europäischer Aufsichtsbehörden. Die irische Datenschutzbehörde DPC hatte das Unternehmen 2023 mit einer Strafe von 345 Millionen Euro belegt, nachdem Verstöße beim Umgang mit Daten minderjähriger Nutzer festgestellt worden waren. Weitere Verfahren laufen auf EU-Ebene im Rahmen des DSA, der der EU-Kommission weitreichende Durchsetzungsbefugnisse gegenüber sehr großen Online-Plattformen einräumt.
Der jetzt dokumentierte Mechanismus zeigt jedoch, dass Umgehungsstrategien weiterhin möglich bleiben, solange Plattformen keine lückenlosen internen Kontrollprozesse für alle Werbeformen etablieren.
Compliance-Risiken für Werbetreibende
Nicht nur TikTok selbst, sondern auch Unternehmen, die auf der Plattform werben oder Influencer-Kampagnen schalten, können in das regulatorische Fadenkreuz geraten. Nach aktuellem EU-Recht tragen Auftraggeber von Werbemaßnahmen Mitverantwortung für die korrekte Kennzeichnung von Werbekooperationen.
Wer Kennzeichnungspflichten delegiert, ohne deren Einhaltung zu überprüfen, riskiert eigene Bußgelder – insbesondere wenn die Zielgruppe Minderjährige einschließt oder einschließen könnte.
Das Bundeszentrum für Kinder- und Jugendmedienschutz (BzKJ) in Deutschland verfügt über Befugnisse, gegen Plattformen vorzugehen, die Schutzanforderungen nicht erfüllen. Kombiniert mit den DSA-Instrumenten der EU-Kommission ergibt sich ein doppeltes Durchsetzungsrisiko auf nationaler und europäischer Ebene.
Einordnung für deutsche Unternehmen
Für Marketingverantwortliche in Deutschland ergibt sich aus dem Fall eine klare Handlungsempfehlung: Wer TikTok als Werbekanal nutzt – ob über direkte Anzeigenschaltung oder Influencer-Kooperationen – sollte die eigenen Prozesse zur Kennzeichnungspflicht und Zielgruppendefinition prüfen.
Kampagnen, die potenziell Minderjährige erreichen können, unterliegen strengen Anforderungen, deren Nichteinhaltung empfindliche Strafen nach sich ziehen kann.
Die Erwartung, dass Plattformen alle Compliance-Anforderungen eigenständig erfüllen, ist rechtlich keine tragfähige Position.
Quelle: New Scientist Tech
