TikTok soll trotz explizitem Verbot weiterhin zielgerichtete Werbung an Minderjährige ausspielen – über algorithmische Umwege, die weder für Nutzer noch für Werbetreibende sichtbar sind. Für Unternehmen, die die Plattform als Werbekanal nutzen, entstehen daraus erhebliche rechtliche Risiken.
TikTok zeigt Minderjährigen zielgerichtete Werbung trotz bestehendem Verbot
Trotz explizitem Verbot des Profilings von Minderjährigen für Werbezwecke werden auf TikTok offenbar weiterhin zielgerichtete Anzeigen an unter 18-Jährige ausgespielt – ohne dass die betroffenen Nutzer oder Werbetreibenden davon erfahren. Das berichtet New Scientist unter Berufung auf aktuelle Untersuchungen der Plattform. Für Unternehmen, die TikTok als Werbekanal nutzen, entstehen daraus erhebliche Compliance-Risiken.
Wie das System funktioniert
Das Kernproblem liegt in einer technischen Grauzone: TikTok erlaubt Werbetreibenden zwar keine direkte Targeting-Option für Minderjährige, doch Anzeigen erreichen diese Nutzergruppe dennoch über indirekte Mechanismen. Algorithmusbasierte Aussteuerung über Interessen, Inhaltsaffinitäten und kontextuelle Signale ermöglicht es, Werbung faktisch auf junge Nutzer zuzuschneiden, ohne dass dies in den Kampagnen-Einstellungen explizit ausgewiesen wird.
Die Anzeigen erscheinen dabei ohne den nach EU-Recht vorgeschriebenen Transparenzhinweis, der kommerzielle Kommunikation als solche kennzeichnen würde.
Regulatorischer Rahmen und bestehende Verbote
Innerhalb der Europäischen Union ist das gezielte Bewerben von Minderjährigen auf Basis von Profiling-Daten durch den Digital Services Act (DSA) sowie die Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) klar untersagt. Plattformen mit sehr großer Reichweite – zu denen TikTok zählt – sind zusätzlich verpflichtet, systemische Risiken für vulnerable Nutzergruppen zu identifizieren und zu minimieren.
Die EU-Kommission hat TikTok bereits in der Vergangenheit unter dem DSA förmlich untersucht; weitere Verfahren sind anhängig. Nationale Datenschutzbehörden, darunter die irische Data Protection Commission als federführende Aufsichtsbehörde für TikTok in der EU, könnten auf Basis solcher Befunde aktiv werden.
Compliance-Risiko für Werbetreibende
Das Risiko beschränkt sich nicht auf TikTok selbst. Werbetreibende, die Kampagnen auf der Plattform schalten, könnten unter Umständen ebenfalls in die Haftung genommen werden – etwa wenn Anzeigen für Produkte oder Dienstleistungen, die an Minderjährige nicht vermarktet werden dürfen, diese Zielgruppe trotzdem erreichen.
Nach DSGVO-Logik trägt auch der Verantwortliche für die Datenverarbeitung Mitverantwortung – wer keine angemessene Dokumentation vorweisen kann, riskiert behördliche Konsequenzen.
Wer als Werbetreibender nicht nachweisen kann, dass angemessene Maßnahmen zur Vermeidung einer solchen Aussteuerung ergriffen wurden, läuft Gefahr, bei behördlichen Prüfungen keine ausreichende Dokumentation vorweisen zu können.
Fehlende Transparenz als strukturelles Problem
Ein weiterer kritischer Aspekt ist die mangelnde Nachvollziehbarkeit für externe Prüfer. Da die relevanten Targeting-Mechanismen innerhalb der algorithmischen Infrastruktur von TikTok ablaufen, haben Werbetreibende kaum Möglichkeiten, eigenständig zu verifizieren, ob ihre Kampagnen tatsächlich keine Minderjährigen erreichen. Unabhängige Ad-Verification-Anbieter decken diesen Bereich bislang nur unvollständig ab. Das strukturelle Transparenzdefizit erschwert sowohl interne Compliance-Dokumentation als auch externe Audits.
Einordnung für deutsche Unternehmen
Für Unternehmen mit Sitz in Deutschland, die TikTok als Werbekanal einsetzen, empfiehlt sich eine unmittelbare Überprüfung der bestehenden Kampagnenstruktur. Konkret sollten folgende Punkte geprüft werden:
- Vertragliche Zusicherungen seitens TikTok einholen und dokumentieren
- Intern klären, ob eigene Produkte oder Leistungen überhaupt an Minderjährige beworben werden dürfen
- Dokumentationspflichten identifizieren und entsprechende Nachweise sicherstellen
- Kampagnenstruktur auf mögliche indirekte Aussteuerung an junge Nutzer analysieren
Angesichts der laufenden DSA-Verfahren gegen TikTok ist damit zu rechnen, dass Aufsichtsbehörden die Anforderungen an Transparenz und Nachweispflichten in den kommenden Monaten weiter verschärfen werden.
Quelle: New Scientist Tech
