Obwohl TikTok zielgerichtete Werbung für Minderjährige offiziell deaktiviert hat, gelangen nicht gekennzeichnete Werbeinhalte weiterhin in den Feed jugendlicher Nutzer – und unterlaufen damit zentrale Schutzvorschriften des europäischen Digital Services Act und der DSGVO.
TikTok: Nicht gekennzeichnete Werbung umgeht EU-Schutzregeln für Minderjährige
Auf TikTok werden Minderjährige offenbar mit zielgerichteter Werbung konfrontiert, obwohl die Plattform dies nach europäischem Recht nicht erlaubt ist. Recherchen zeigen, dass nicht als solche gekennzeichnete Anzeigen gezielt an unter 18-Jährige ausgespielt werden – eine Praxis, die zentrale Vorgaben des Digital Services Act und der DSGVO untergräbt.
Wie die Umgehung funktioniert
Das Problem liegt nicht in offen deklarierter zielgerichteter Werbung, die TikTok für Minderjährige offiziell deaktiviert hat. Stattdessen gelangen sogenannte nicht offengelegte Werbeinhalte – also gesponserte Posts, die nicht explizit als Anzeigen markiert sind – trotz der bestehenden Einschränkungen in den Feed jugendlicher Nutzer. Diese Inhalte umgehen technisch die Schutzmechanismen, die TikTok als Reaktion auf regulatorischen Druck implementiert hat, weil sie formal nicht als Werbung klassifiziert sind.
Forscher, die die Plattform im Auftrag von New Scientist untersuchten, stellten fest, dass Konten, die als minderjährig identifizierbar waren, regelmäßig Inhalte von Marken und Händlern erhielten, bei denen eine kommerzielle Vereinbarung zugrunde lag – ohne dass dies für den Nutzer erkennbar war. Die algorithmische Aussteuerung erfolgte dabei auf Basis von Verhaltens- und Interessensdaten, was einer Profilerstellung im regulatorischen Sinne entspricht.
Rechtliche Ausgangslage in der EU
Der Digital Services Act verpflichtet sehr große Online-Plattformen – TikTok zählt mit über 45 Millionen Nutzern in der EU dazu – zur Transparenz bei algorithmischen Empfehlungssystemen und verbietet ausdrücklich das Profiling von Minderjährigen zu Werbezwecken. Ergänzend dazu schränkt die DSGVO die Verarbeitung personenbezogener Daten von Kindern erheblich ein und setzt für eine rechtmäßige Einwilligung in den meisten EU-Mitgliedstaaten ein Mindestalter zwischen 13 und 16 Jahren voraus.
Die Europäische Kommission hat TikTok bereits im Rahmen mehrerer DSA-Verfahren unter Beobachtung gestellt. Ein formeller Verstoßbescheid könnte Bußgelder von bis zu sechs Prozent des weltweiten Jahresumsatzes nach sich ziehen.
Ein laufendes Verfahren befasst sich unter anderem mit dem Schutz Minderjähriger und der Funktionsweise des Empfehlungsalgorithmus.
TikToks Position und bisherige Reaktionen
TikTok hat sich bislang darauf berufen, dass die beanstandeten Inhalte nicht in seine definierten Werbebuchungssysteme fallen und somit außerhalb der entsprechenden Policy-Beschränkungen lägen. Kritiker sehen darin jedoch eine definitorische Lücke, die gezielt ausgenutzt wird.
„Aus Sicht von Regulierungsexperten ist die funktionale Wirkung entscheidend – nicht die formale Klassifizierung durch die Plattform selbst.”
Die zuständigen Aufsichtsbehörden, darunter die irische Data Protection Commission als federführende Datenschutzbehörde für TikTok in der EU, haben bisher keine öffentliche Stellungnahme zu den aktuellen Befunden veröffentlicht.
Einordnung für deutsche Unternehmen
Für Unternehmen, die TikTok als Werbekanal nutzen, ergeben sich aus diesem Kontext konkrete Risiken:
- Wer Influencer-Kooperationen oder gesponserte Inhalte auf der Plattform einsetzt, ist nach deutschem und europäischem Recht verpflichtet, die Kennzeichnungspflichten für Werbung einzuhalten – unabhängig davon, wie TikTok die Inhalte klassifiziert.
- Verstöße können sowohl wettbewerbsrechtliche Konsequenzen nach dem UWG als auch DSGVO-Haftungsrisiken nach sich ziehen.
- Angesichts der laufenden EU-Verfahren gegen TikTok sollten Marketingverantwortliche ihre Compliance-Prozesse für nutzergenerierte und gesponserte Inhalte auf der Plattform überprüfen – insbesondere dann, wenn die Zielgruppe potenziell Minderjährige einschließt.
Quelle: New Scientist Tech
